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Interview mit dem Autor Frank Willmann

Willmann_Frank_c_Ronny_MarzokHerr Willmann, was hob Punk in der DDR von seinen westlichen Äquivalenten ab?
Willmann: Als Punk war man in der DDR ein kleiner Staatsfeind, ob man wollte oder nicht, man wurde von den Sicherheitsbehörden dazu gemacht und lief fortan mit dem Kainsmal „negativ dekadenter“ Jugendlicher zu sein, durchs Arbeiter –und Bauernparadies. Das hatte für viele junge Leute gravierende Folgen. Knast oder Jugendwerkhof, Schulverweise, Entzug der Studienerlaubnis. Wenn im tiefsten Sachsen einmal Anarchie geflüstert wurde, hopsten die Genossen des MfS sofort im Dreieck und brachten die Kanonen in Stellung.

Funktionierte überhaupt eine Losung wie „No Future“? Es gab eine Ausstellung zum Thema, die hieß „Too Much Future“ – „Kaum bist Du geboren, hast du schon eine Planstelle weg.“
Ein kleiner Teil der Jugend ist glücklicherweise überall auf der Suche und lehnt radikal den Schlammassel der Alten ab. In der Zone hieß es, die angepasste Trottelmühle zu hinterfragen. Der Staat hatte dich quasi schon im zarten Babyalter „verplant“, für die meisten Bürger war das eine bequeme Sache. Wenn dich aber Neugier, Freiheitsdrang und Abenteuerlust überfielen, war die DDR ein schlechtes Pflaster.

Woraus rekrutierte sich die Punkszene in der DDR?
Punks kamen aus allen Schichten, in meiner Heimatstadt Weimar waren wir eher Bürgerkinder, anderswo war die Szene breit gefächert. Wobei es eine sehr kleine Szene war, in Weimar vielleicht 30 Leute, insgesamt zählte das MfS 1983 in der DDR 900 Punks. 

Warum wurden Punks schon früh von der Staatsicherheit drangsaliert, Nazi-Skinheads hingegen in Ruhe gelassen?
Eine Antwort gibt vielleicht eine Anweisung des stellvertretenden Stasi-Ministers Generaloberst Mittig vom 2. Februar 1988. Nachdem dort zunächst das äußere Erscheinungsbild der Skinheads (Glatze, Bomberjacke, Röhrenjeans, Springerstiefel) beschrieben wurde, lieferte Mittig eine Einschätzung ihrer Ideologie. Skinheads, so Mittig, gingen regelmäßig einer Arbeit nach und zeigten, im Gegensatz zu anderen negativ-dekadenten Jugendlichen wie Punks z.Bsp., eine gute Arbeitsdisziplin und Arbeitsleistung. Militärische Ausbildung gehöre für sie zum „Deutschtum“, deshalb hätten sie eine positive Einstellung zum Wehrdienst. Im Allgemeinen wurden Rechtsradikale oftmals lediglich als „negativer Anhang von Fußballclubs“ wahrgenommen.

Sie haben bereits ein Buch über „Schleim-Keim“ verfasst. Welche Bands überdauern aus Ihrer Sicht ästhetisch die DDR?
Schleim-Keim, Wutanfall, Müllstation, Paranoia, Namenlos, Ornament und Verbrechen, um nur einige zu nennen
.
Es gibt bereits einige Veröffentlichungen zu dem Thema, worauf fokussieren Sie sich in Ihrer Veröffentlichung?
Das Buch ist eine Ergänzung des Vorhandenen. Es legt sein Augenmerk auf Zwischentöne, auf das, was in den wenigen Veröffentlichungen zum Thema vielleicht bisher fehlte. Das Buch ist ein Wechselbalg, kann für den einen Erinnerungsstück, für den anderen eine freudvolle Krücke im Jetzt sein, vielleicht finden einige sich in den Geschichten wieder. Ein Teller bunte Knete von über 40 Erzählungen, Gedichten, Essays.

Interview: Ronald Klein
Foto: Ronny Marzok

Buchpremiere: „Leck mich Leben“
am Di, 16.10., 20.30 Uhr im Kaffee Burger

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