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Interview mit dem Ex-Punk und Schriftsteller Nagel

Nagel

tip „Drive-by Shots“ ist eine Mischung aus Fotos und Reiseerlebnissen. Wie kam es dazu?
Nagel Am Anfang war es für mich wie ein Live-Album. Ich hatte diesen Wust an abstrusen Bildern, die ich unterwegs gesammelt hatte …

tip … zum Beispiel die Plakat-Kombination aus Ilmenau: „Proll- & Schlampenparty“ plus Nagel.
Nagel Zu den Fotos habe ich bei Lesungen Anekdoten erzählt und irgendwann angefangen, diese schriftlich auszuformulieren.

tip Ihre Reisen führten nach Kenia, Malta, Israel, Alaska. In Vancouver hat Ihnen eine etwas verpeilte Frau diese Kodak-DC-40-Kamera geschenkt. Wieso reisen Sie allein?
Nagel Ich reise nicht immer allein, ich bin ja nicht total soziophob. Aber ich hätte die Kamera von der esoterisch verspulten Frau niemals geschenkt bekommen, wenn ich in dem Moment nicht allein dagesessen und geschrieben hätte. Allein ist man aufmerksamer. Man hört, was die Leute am Tisch nebenan reden.

tip An einer Stelle erwähnen Sie Ihr schlechtes Gedächtnis. Kommt mir gar nicht so vor.
Nagel Das ist keine Koketterie. Ich kann mich selbst an Sachen, die mir wichtig sind, oft nicht erinnern. Ich frage mich auch, welchen Zweck mein manisches Tagebuchschreiben hat: Geht es ums Festhalten oder ums Loslassen?

tip Schreiben Sie Erlebtes dann sofort nieder?
Nagel Nur für mich. Würde ich sofort einen literarischen Text drüber verfassen, hätte ich zu viele Details und könnte nicht zum Kern durchdringen. Bei Reisestorys besteht immer die Gefahr, dass man irgendwo zwischen „Lonely Planet“ und Wikipedia endet. Und das braucht ja kein Mensch.

tip In Myanmar gründeten Sie mit einer Aus­tralierin, mit der Sie dort 36 bewegte Stunden verbrachten, die NGO „Ciggie Stardust“. Einziger Zweck: rumhängen und rauchen.
Nagel Wir haben uns geschworen, das auch ohne den anderen nach bestem Wissen und Gewissen fortzuführen.

tip Sie beide haben also noch Kontakt?
Nagel Sporadisch. Das war ein Moment, der lässt sich nicht in eine Brief- oder Mailfreundschaft übersetzen. Wie soll man so intensiv erlebte eineinhalb Tage konservieren?

tip Rauchen ist nicht nur im Buch oft Thema. Auch in den Linoldrucken, die Sie herstellen.
Nagel Da ging es erst unschuldig darum, Freunde mit Zigarette zu porträtieren. Aber natürlich hat das Rauchen mittlerweile in einer gesundheitsfixierten und selbst­optimierungsfixierten Welt einen subversiven Charakter. Man sieht ja, wie die Zigarette aus der Kunst verschwindet. Es gibt ein „Abbey Road“-Cover, auf dem Paul McCartney die Kippe wegretouchiert wurde. Und Joe Jackson ist von New York nach Berlin gezogen, weil er hier noch rauchen kann.

tip Sie touren jetzt auch mit dem schottischen „Trainspotting“-Erfinder Irvine Welsh und seinem neuen Roman „Das Sexleben siamesischer Zwillinge“.
Nagel Mit „Skagboys“ (Welshs „Trainspotting“-­Prequel von 2012 – Anm. d. Red.) hatten wir Lesungen gemacht, bei denen ich, wie jetzt wieder, für die Moderation und die deutschsprachigen Parts zuständig war. Welsh ist ?ein feiner, smarter Typ. Und wir haben trotz des Altersunterschieds durchaus Gemeinsamkeiten.

tip Zum Beispiel?
Nagel Eine Subkultur-Herkunft, die dann in etwas anderes übersetzt wird. Das ist ja auch in „Drive-By Shots“ immer mal wieder Thema. Dass mich das schon alles noch interessiert, ich aber auch woanders sein möchte. Ohne dieses starre „Für immer Punk“-Ding.

Interview: Erik Heier

Foto: Harald Hoffmann

Nagel & Welsh Mit Irvine Welsh und seinem neuen Roman „Das Sexleben siamesischer Zwillinge“ liest Nagel am Mittwoch, 15.4., 20 Uhr, im Arena-Glashaus, Eichenstraße 4, Treptow.

Nagel solo
Mit seinen „Drive-by Shots“ ist er am Dienstag, 21.4., 20 Uhr in der Fahimi-Bar, Skalitzer Straße 133, Kreuzberg, zu erleben.

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