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Interview mit dem Läufer und Philosophen Mark Rowlands

Interview mit dem Läufer und Philosophen Mark Rowlands

tip Mr. Rowlands, wann war Ihr letzter Lauf? Und vor allem: wie?
Mark Rowlands?Vorgestern. Es war der erste Lauf seit Monaten, woran ein gebrochener Zeh schuld war. Lausige zehn Kilometer bei 35 Grad Hitze und, wir reden hier von Miami, einer Luftfeuchtigkeit von annähernd 100 Prozent. Alles in allem eine unschöne Angelegen­heit, selbst mein Hund hatte keinen Spaß.

tip Dabei beschreiben Sie den Lauf als unsere ureigenste Fortbewegung. Der Mensch sei „born to run“. Ist Laufen, im Vergleich zu anderen Sportarten, also kein Spiel?
Mark Rowlands Natürlich ist es ein Spiel. Und das meine ich im Sinne des kanadischen Philosophen Bernard­ Suits: Spielen bedeutet, auf einem radikal uneffizienten Weg zu einem Ziel zu kommen, das ich andererseits nur auf diesem Weg erreichen kann. Wenn ich morgens vor die Haustür trete und auf oft total unlogischen Wegen durch die Gegend laufe, komme ich nach ein, zwei Stunden wieder vor der Haustür an. Ein Lauf von A nach A – rational betrachtet habe ich also nichts erreicht. Genau darin liegt das Spiel. Diese Spiele sind es, die das Leben ausmachen.

tip Womit wir im Kern Ihres Buches angekommen sind. Der perfekte Lauf, so schreiben Sie, kann nur um seiner selbst willen geschehen.
Mark Rowlands Absolut. Und das ist eine Erkenntnis aus meiner philosophischen und meiner läuferischen Praxis. Die Dinge, die wir um ihrer selbst willen machen, sind die Dinge, die uns wirklich glück­lich machen. Natürlich kann man für die Gesundheit laufen, um abzunehmen oder um die Kollegen zu beeindrucken. Aber die Befriedigung zieht man dann eben auch aus diesen mittelbaren Effekten, nicht aus dem Laufen an sich. Genau das aber ist das Grund­dilemma der Moderne: Alles wird immer nur gemacht, damit es wieder zu etwas anderem führt oder für etwas anderes gut ist.

tip Ist Laufen demnach sogar eine Metapher für das Leben an sich?
Mark Rowlands Weniger eine Metapher als ein Leitmotiv. ­Unsere Leben sind, nach und nach, immer mehr zu Begleiterscheinungen unserer Arbeit geworden. Wir arbeiten, um Geld zu verdienen, mit dem wir dann Häuser kaufen, in denen wir Kinder großziehen – die es dann in 20, 30 Jahren ganz genauso machen werden. Unter diesen Bedingungen ist es absolut notwendig, kleine Taschen in unseren Alltag einzubauen, in denen man aus der Zwangsläufigkeit dieses Prozesses verschwindet, wenn auch nur für eine kleine Weile. Hinauslaufen aus dieser Welt, um bei sich selbst anzukommen.

tip Der Lauf wird zur Lektion …
Mark Rowlands … wobei es genau genommen darum geht, ein eigentlich ganz natürliches Gefühl nicht zu verlernen. Kinder können das richtig gut, sich in einer Sache radikal vertiefen, verlieren. Laufen erinnert uns an diese Wahrheit, die wir alle einmal gekannt haben.

Interview: Clemens Niedenthal

Foto: Mark Rowlands/ Wikimedia Commons

Wo es schon solchen Spaß macht, seinen Gedankengängen zu folgen, wie großartig ist es dann erst, mit seinen Gedanken zu rennen? Darüber hat Mark Rowlands das klügste Buch geschrieben, das es bis dato über das Laufen gibt. Samt Schopenhauer, Heidegger, Descartes. Samt all den inneren Schweinehunden und einem äußeren Labrador namens Boots, mit dem Rowlands auf die Berge seiner walisischen Kindheit gerannt ist. ?Und wenn Rowlands seitdem weiter durch sein Leben rennt, dann, um ?der Un­mittelbarkeit dieser kindlichen ?Unternehmungen nachzuspüren. Laufen um des Laufens willen. Nicht um den Chef zu beeindrucken, die Facebook-Freunde oder die Bade­zimmerwaage. In diesem Sinne ist ?„Der Läufer und der Wolf“ auch ein Plädoyer für all die lässigen Läufe abseits der Wettkampf-Events und Trainingsplan-Diktate.

„Der Läufer und der Wolf“, ?Rogner & Bernhard, 238 Seiten, 19,95 Euro

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