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Interview mit der Literaturagentin Elisabeth Ruge

Interview mit der Literaturagentin Elisabeth Ruge

tip Frau Ruge, woher kommt der Traum, ein Buch zu schreiben? Reichtum, Ruhm, Ego?
Elisabeth Ruge Es ist meist nicht einmal der Traum vom Reichtum. Sondern, salopp, gesagt, dass die Welt einen als Genie erkennt. Der Traum der Menschheit: egal ob man Schriftsteller, Bildhauer, Komponist oder auch Astrophysiker ist.

tip Wobei vielen ein Buch machbarer erscheint als die Bildhauerei. Schreiben kann ja jeder.
Elisabeth Ruge Vielleicht denken die Leute, es wäre einfacher. Ist es natürlich nicht.

tip Sie haben letztes Jahr mit Ihren Autoren die wichtigsten Preise abgeräumt: vom Leipziger Buchpreis für Jan Wagner bis zum Deutschen Buchpreis für Frank Witzel. Stehen die Autoren jetzt bei Ihnen Schlange?
Elisabeth Ruge Wir haben zunehmend mehr Anfragen. Per Mail sicher ein Dutzend Angebote am Tag. Aber vieles davon ist für uns nicht vertretbar. Weil die Texte noch nicht so weit sind. Oder weil wir sie nicht als literarisch interessant empfinden. Wenn man im Jahr drei bis fünf überzeugende Projekte unter den unaufgefordert eingesandten Manuskripten findet, dann ist das ein guter Schnitt.

tip Sondieren Sie dann nach Bauchgefühl?
Elisabeth Ruge Bauchgefühl weniger. Man ist ja eine erfahrene Leserin und hat seine Vorlieben und Maßstäbe. Es ist aber hin und wieder so, dass sich schon nach den ersten Seiten ein Gefühl wie aus dem Nichts einstellt: Das könnte ein wirklich großes Buch sein. Vom Erzählstoff her, vom Stil.  Das passiert eher selten, aber vor ein paar Wochen war es wieder so.

tip Wer ist denn der oder die Glückliche?
Elisabeth Ruge Die Verträge sind noch nicht unterschrieben. Ein  Autor aus der Filmbranche, der seinen ersten Roman eingeschickt hat.

tip Ein anderes Beispiel, gerade ist bei DVA der Debütroman „Wenn’s brennt“ von Stephan Reich erschienen.
Elisabeth Ruge Der kam über Valentin Tritschler zu uns, der mit mir zusammen die Agentur aufgebaut hat. Stephan Reichs erstes Buch war ja ein sehr schöner Lyrikband. Zugleich ist er aber auch Redaktionsmitglied bei „11 Freunde“. Dass ein Autor gute Gedichte und gute Fußballkommentare schreibt, das hat mir gefallen. Solche Dinge überlegt man sich bei Debüts auch: Wo kommen die Leute her? Über was für Stoffe verfügen sie? In welchen Formen haben sie sich ausprobiert?

tip Macht es für Debütanten überhaupt Sinn, sich direkt bei einem Verlag zu bewerben?
Elisabeth Ruge Das ist unterschiedlich. Gerade gestern hat mir eine Lektorin erzählt, dass sie nach langem wieder mal ein tolles Manuskript im „slush pile“ gefunden hat – wie man früher in den amerikanischen Verlagen und Agenturen sagte, heute wäre das so etwas wie der Spam-Ordner für unaufgefordert eingesandte Manuskripte. Da hat sie das Manuskript rausgezogen und nun wird es ein Spitzentitel im kommenden Programm. Das ist aber die Ausnahme.

tip Nimmt die Bedeutung von Agenturen zu?
Elisabeth Ruge Verlage sollten Lektorinnen und Lektoren wieder mehr Zeit fürs Lesen und Akquirieren, für die eigentliche Arbeit an den Texten geben. Sie werden zu sehr vereinnahmt vom ewigen Website-Content-Schreiben oder ellenlangen Zusammenfassungen für den Vertrieb, abgesehen von all den Sitzungen. Die Autoren haben auch in guten Verlagen oft das Gefühl, man hätte dort nicht genug Zeit für sie.

tip Betrachten Sie E-Books und Selfpublishing als Konkurrenz oder Talentschmiede?
Elisabeth Ruge Eher als Talentschmiede. Auch jenseits von Amazon. Wenn man sich zum Beispiel Wattpad anschaut, eine Plattform, wo Millionen von jungen Leuten schreiben und lesen: Da gibt es Leute, die sind 16, 17 Jahre alt und haben 16.000 Abonnenten. Das digitale Zeitalter hat weder das Ende des Lesens noch das Ende des Schreibens gebracht.

tip Das Buch wurde schon öfter totgesagt.
Elisabeth Ruge Ich sehe nicht, dass das Buch untergeht, aber sicher wird anders gelesen. Ich habe inzwischen ein großes I-Phone, weil ich es immer weniger zum Telefonieren benutze, aber viel darauf lese, Manuskripte, den Twitter-Feed, den „New Yorker“.

tip Ihre Agentur bietet Schreibkurse mit namhaften Autoren.
Elisabeth Ruge Für mich ist hier die Londoner Faber Academy ein Vorbild, die breit aufgestellte Schreibwerkstatt von Faber & Faber, einem der wichtigsten literarischen britischen Verlage. In Deutschland sind Schreibschulen nach wie vor eher verpönt. Nach dem Motto: Schreiben kann man oder man kann es nicht. Dass Schreiben ein Handwerk ist, dass man über Fertigkeiten verfügen muss, die man sich aneignet und erarbeitet, so wie man über Fertigkeiten verfügen muss, um ein Musikstück zu komponieren oder als bildender Künstler tätig zu sein – das will den Leuten hier nicht einleuchten. Ein Vorurteil, das von Ahnungslosigkeit zeugt.

tip Der Traum ist ja auch, von der Schriftstellerei zu leben.
Elisabeth Ruge „Viele Autoren leben vor allem von Lesungshonoraren und müssen mit wenig Geld auskommen. Wenn man knallreich werden will, sollte man doch noch einen Plan B haben.

Interview: Stefanie Dörre und Erik Heier

Foto: Stefan Nimmesgern

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