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Interview mit Йdouard Louis

Interview mit Йdouard Louis

Eddy fällt auf und Eddy fällt raus. Aus Schema F, dem man im Dorfe in der Picardie, im Norden Frankreichs, einfach mal zu folgen hat. Männer schuften in der lokalen Metallfabrik. Und Frauen? Nun, die werden eben die Frauen dieser Männer. Eddy geht fast wie ein Mädchen. Man rotzt ihm ins Gesicht. Und das Französische kennt noch mehr Schimpfwörter für Schwule als das Deutsche. Eddy muss raus aus dieser Enge, die Angst macht. Man spürt in Йdouard Louis’ Debütroman Spurenelemente von Thomas Bernhard und auch William Faulkner, wenn es auch längst nicht so kompliziert konstruiert ist wie „Schall und Wahn“. Jedenfalls hat das Buch in Frankreich einen Nerv getroffen. Hinrich Schmidt-Henkel, der kongeniale Übersetzer von Louis-Ferdinand Cйline, hat auch dieses Buch mit seiner derben Sprachwucht bravourös übertragen. In der Kulturbrauerei liest er aus seiner Übersetzung, Louis übernimmt in seinem klaren Bassbariton die französischen Passagen und Nils Minkmar („FAZ“) moderiert.  

tip Besuchen Sie die Picardie manchmal noch?
Йdouard Louis Nein, ich kehre nicht mehr zurück zur Region meiner Kindheit.

tip Seit wann nicht mehr?
Йdouard Louis Seit einigen Jahren schon nicht mehr, weil mein Leben sich inzwischen woanders abspielt. Wann immer ich doch mal wieder hinfuhr, entstanden automatisch Konflikte zwischen meiner Familie und mir. Wir teilen nicht mehr die gleiche Sprache, die gleich Rede- oder Denkweise. Jedes Mal, wenn ich zurückkam -bevor ich es schließlich aufgab-, fand nie wirklich eine Begegnung statt – außer Streit.

tip Wie sieht das dann aus?
Йdouard Louis Wenn meine Mutter etwa Dinge sagte wie: „Die Schwarzen und die Araber, die wollen doch nur unser Geld.“ Ich sag ihr dann, dass ich es hasse, wenn sie sowas sagt. Umgekehrt stimmt alles, was ich sage, meine Mutter aggressiv. Sie denkt, ich verwende ein bourgeoises Vokabular, um sie zu demütigen. Es ist gar nicht so, dass ich nicht zurückkehren will, aber die Strukturen trennen uns. Es erinnert mich an das großartige Theaterstück „Juste la fin du monde“ von Jean-Luc Lagarce, das für mich sehr wichtig war. Er hat es übrigens in Berlin geschrieben.

tip Haben Ihre Eltern denn Ihren Roman gelesen?
Йdouard Louis Nein. Schon als ich noch Kind war, waren Bücher absolut abwesend. Es gab dort keine Bücher. Nie, nie, nie! Meine Eltern lesen keine Bücher. Sie fanden es sogar suspekt, wenn Leute Bücher lasen – besonders Männer.

tip Aber sie wissen schon, dass Sie einen so erfolgreichen Roman geschrieben haben??
Йdouard Louis Obwohl sie das wissen, glaube ich nicht, dass sie ihn gelesen haben. Sie haben auf das Buch reagiert, aber ohne es gelesen zu haben.

tip Wie sahen denn die Reaktionen aus??
Йdouard Louis Sehr unterschiedlich. Mein Vater hat mir eine Nachricht geschrieben, um mir zu sagen, dass er sehr stolz auf mich sei. Er habe 25 Ausgaben des Buchs gekauft, für alle seine Freunde. Meine Eltern sind inzwischen geschieden. Meine Mutter war rasend vor Zorn, sagte, alles im Buch sei falsch. Dabei ist alles darin wahr! Aber es gehört wohl zum Wesen der Literatur, dass Menschen sich darin nicht wiedererkennen. Man hat doch immer ein falsches Bild von sich selbst.

tip Das Buch wird aber als Roman verkauft, nicht als Autobiografie.
Йdouard Louis Ja, es ist ein Roman, aber ohne Fiktion. Wissen Sie, für mich ist das wichtigste am Roman die Art der Konstruktion. Annäherung an die Wirklichkeit durch Konstruktion. Ich glaube sogar, dass man dadurch der Wirklichkeit näherkommt als mit einer Autobiografie. Ich hab mir den Roman zu einer Waffe gemacht, um die Wahrheit zu sagen. Die Art und Weise, wie ich „Eddy“ konstruiert habe, mit seinen unterschiedlichen Sprachniveaus, dienen mir dazu, die Wahrheit zu sagen.

tip Sie sagen, das Buch sei keine Anklage. Sind Sie gar nicht wütend auf die Leute, die Sie demütigten??
Йdouard Louis Nein, denn während ich „Eddy“ geschrieben habe, verlor ich diesen Zorn, den ich früher durchaus gespürt hatte. Aber jetzt verstehe ich die Gründe besser, die zu ihrem Verhalten führten. Wenn man Gewalt bekämpfen will, helfen Vorwürfe nicht. Mir ging es nicht um Nachsehen, aber ums Verstehen. Bei Proust versteht man die Gründe der Figuren ja auch dadurch, wo sie herkommen. Das heißt aber nicht, dass ich sie liebe. (lacht)

tip Sie schildern Homophobie auf dem Lande. Aber sie existiert auch in Paris, wo Sie jetzt leben.
Йdouard Louis Ja, Homophobie gibt es überall, ich bemerke sie auch. Jemand hat mir sogar vorgeworfen, ich würde behaupten, es gäbe nur bei einfachen Leuten Homophobie und nicht im Bürgertum. Dabei habe ich  doch bloß die Geschichte meiner Kindheit erzählt. Natürlich ist es leichter, in Berlin schwul zu sein als in Sankt Petersburg. Und in Paris ist es leichter als in einem nordfranzösischen Dorf. Die Homophobie wird dort viel brutaler, da die Menschen leiden. Gewalt erzeugt Gewalt. Das wollte ich auch zeigen.

tip Welche sind Ihre literarischen Idole? Sie haben Proust genannt.
Йdouard Louis Proust schätze ich sehr, aber er gehört nicht zu denen, die mich am stärksten beeinflusst haben. Das wäre Thomas Bernhard – für seinen Willen, die Wahrheit zu aufzuschreiben. Und sie immer wieder zu wiederholen, um sie zu bekämpfen. Als mein Buch herauskam, sagte man mir, ich präsentiere eine sehr brutale Gesellschaft, ich sei Pessimist und lasse nicht viel Hoffnung übrig. Ich glaube, es verhält sich genau anders: Wenn man die Gewalt nicht zeigt, ignoriert man sie doch und geht nicht gegen sie an. William Faulkner und auch Louis-Ferdinand Cйline sind für mich wichtig. Beide auch deshalb, weil sie viel mit Umgangssprache arbeiten, im Herzen ihrer Literatur. Bei aller Bewunderung habe ich trotzdem das Gefühl, dass ihre Sprache nicht ganz der Realität gerecht wird.

tip Inwiefern treffen sie die Wirklichkeit nicht?
Йdouard Louis Ich finde bei diesen Autoren eher eine bürgerliche Vorstellung davon, wie Dorfsprache angeblich aussieht. Ich habe das Gefühl, die wirkliche Dorfsprache sollte oft aus der Literatur ausgeschlossen werden. Als ob die Literatur, um Literatur zu werden, sie ausschließen müsste. Und damit auch ein Ausschluss all der Menschen, die diese Sprache sprechen. Cйline nutzt den Subjunktiv Perfekt – ein Hirngespinst der Bourgeoisie, das sie nicht mal selbst verwenden würde. Ich hingegen möchte die Stimme auch jenen geben, die ansonsten aus der Literatur ausgeschlossen werden.

Interview: Stefan Hochgesand

Foto:
John FOLEY/Opale/StudioX

Buchpremiere: Palais in der Kulturbrauerei, Do 12.3., 20.00

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