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Interview mit Flix und Mawil

Interview mit  Flix und Mawil

Flix, bürgerlich Felix Görmann, wurde 1976 ?in Münster geboren und lebt seit 2003 in Berlin. Er gewann zweimal den Max-und-Moritz-Preis. Zu seinen wichtigsten Büchern gehören die Graphic Novel „Held“ und die Literatur­a­daptionen „Faust“ und „Don Quijote“. Bei Carlsen erscheint der Band „Schöne Töchter“ mit den „Tagesspiegel“-Strips.

Als Markus Witzel 1976 in Ostberlin ?geboren, veröffentlicht Mawil seit 1991 Comics ?in Fanzines, Zeitungen und bei Verlagen. ?Für die autobiografische Graphic Novel „Kinderland“ erhielt er 2014 den Max-und-Moritz-Preis. Bei Reprodukt erscheinen seine „Tagesspiegel“-Strips unter dem Titel ?“The Singles Collection“.

tip Mawil, Flix, wie lange kennt Ihr Euch schon?
Mawil Da hat Flix den „Held“ gemacht und mir eine Email geschrieben, weil wir beide an autobiografischen Comics gearbeitet haben. Wir haben uns schließlich in der Comicbibliothek Renate in Mitte getroffen.
Flix Stimmt. Das muss so um 2003 gewesen sein, da war ich auf dem Sprung nach Berlin.

tip Gibt es in Berlin einen Zusammenhalt unter den Comic­zeichnern?
Mawil Man freut sich, wenn jemand etwas Ähnliches wie man selbst macht, und in diesem Fall noch auf so einem hohen Niveau.
Flix Ich habe damals im Saarland gewohnt, dort war niemand und im Internet gab es keine sozialen Netzwerke wie heute, und so habe ich als Zeichner eine große Einsamkeit gespürt. Ich bin an die Kunsthochschule gegangen,  aber dort wollte keiner Comics machen. In Berlin fand ich dann Leute, die auch in Bildern denken können. Mawil war einer davon, das gibt es nicht so häufig.

Mawiltip Hat sich die Stadt diesbezüglich entwickelt?
Mawil Es sind in jedem Fall mehr Zeichner nach Berlin gekommen. Diese Anziehungskraft wirkt aber auf andere Leute auch, Kaninchenzüchter und so.
Flix Es kulminiert hier schon. Berlin ist einfach ein Ort, der Leute aufnimmt, die woanders nicht richtig dazugehören.

tip Es gab in den 1980er-Jahren um den Zeichner Seyfried eine aktive Comic-Szene in Berlin. Seht Ihr Euch in einer Nachfolge?
Flix Chronologisch ja. Ich selber habe früher Seyfried gelesen, „Future Subjunkies“ hat mich echt begeistert. Aber in dem, was ich mache, würde ich mich nicht in seiner Tradition sehen.
Mawil Wobei Seyfried noch jemand war, der wirklich lange Geschichten erzählt hat. Es gab ja in Berlin viele Cartoonisten zu der Zeit, die für Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet haben, aber er hat richtige Alben veröffentlicht. Wer mich noch stark geprägt hat waren Andreas Michalke und Fil.

tip Seyfried erzählt in seinen Comics viel vom Leben in Berlin. In Euren neuen Büchern, die jetzt parallel erscheinen, sind auch die Stadt und ihr Alltag zentral. Versteht Ihr Euch als zeichnende Chronisten?
Mawil Das würde mich freuen, wenn das jemand so sieht, auch wenn ich mich selbst nicht so hinstellen würde.
Flix Die Geschichten, die ich mache, aber genauso die von Mawil, sind ja von Anfang an für den „Tagesspiegel“ konzipiert gewesen. Jetzt erscheinen sie zwar in Buchform, aber sie sind schon sehr in der Gegenwart, in der Zeit des Entstehens, verhaftet. Dadurch wird man im Rückblick bestimmte Entwicklungen, Modetrends oder Musikbands erkennen, die bei uns vorkommen und die vielleicht auch prägend waren oder immer noch sind. So gesehen sind wir Chronisten, aber unser Anliegen ist es nicht, eine Berlin-Chronik zu schrei­ben.

tip Ihr seid beide 1976 geboren, geht also auf die 40 zu. Gibt es einen Generations-?gedanken in Euren Geschichten?
Flix Bei meiner Reihe „Schöne Töchter“ merke ich, dass die Tatsache, dass ich eine Tochter bekommen habe, durchaus eine Rolle spielt. Der Schwerpunkt von unerfüllten Liebesgeschichten hat sich etwas verlagert zu Geschichten mit einer Beziehung und Kindern. Die Bandbreite der Liebe, von der ich berichten kann, ist größer geworden.
Mawil Die Erfahrung mit eigenen Kindern fehlt mir noch. Ich bin da eher der Berufsjugendliche. Flix war schon immer der Vernünftigere von uns beiden.

tip Wie autobiografisch arbeitet Ihr?
Mawil Wenn die Mawil-Figur in den Geschichten auftaucht, sind sie autobiografisch, wenn es andere Figuren sind – der Hase etwa – sind sie ausgedacht.
Flix Ich habe autobiografisch begonnen, aber „Schöne Töchter“ ist für mich ein Versuch, nahezu nicht autobiografisch zu arbeiten. Ganz ausschließen lässt es sich zwar nicht. Aber die Geschichten sind alle ausgedacht. Das ist die Herausforderung, etwas echt klingen zu lassen, was nicht zwangsläufig so passiert sein muss. Obwohl die Frauenfiguren, die ich beschreibe, schon eher Mitte-Mädchen sind, also aus dem Milieu stammen, in dem ich mich auch selbst bewege.

tip Spielt die Ost- (Mawil) beziehunsgweise Westsozialisation (Flix) dabei eine Rolle?
Mawil Ich trauere schon meiner Kindheit hinterher, und wenn ich ein altes osteuropäisches Auto sehe, dann geht mein Herz auf, aber ich trauere nicht dem Osten hinterher.
Flix Klar, ein Buch wie „Kinderland“ kann nur Mawil schreiben. Ich weiß nicht, wie es im Osten aussah. Aber ich weiß, wie es war, in einer Reihenhaussiedlung in Westdeutschland aufzuwachsen. Und so kommen wir – ob wir wollen oder nicht – zu unterschiedlichen Themen.
Mawil In meinem Buch sind bestimmt zehn Geschichten, die sehr ostspezifisch sind, da geht es um den Kinderliedermacher Reinhard Lakomy, den Fernsehturm oder russische Soldaten. Das ist automatisch reingerutscht.

tip Was fällt leichter, die lange Erzählung in Form einer Graphic Novel, oder der Einseiter wie für den „Tagesspiegel“?
Mawil Die Einseiter fallen in jedem Fall leichter. Du stehst morgens auf, hast eine Idee, zeichnest sie auf, verschickst die Datei und stellst die Rechnung. Am nächsten Tag fängst du was Neues an. Für „Kinderland“ habe ich hingegen sieben Jahre gebraucht.
Flix Was ich bei der kurzen Form schwieriger finde: Man hat keine Chance, um den heißen Brei drum rumzureden. Man muss am Ende eine Pointe liefern, einen Dreher, der das Ganze auflöst. Bei einer Seite muss ich einfach im Durchschnitt mit 15 Bildern auskommen, weil ich in der Zeitung nicht mehr Platz habe.

tip Lässt es sich in Berlin als Comiczeichner finanziell überleben?
Flix Ausschließlich von den Büchern nicht. Ich mache Lesungen, Illustrationen, mal einen Kalender. Das ist insgesamt eine große Mischkalkulation.
Mawil Sehe ich auch so. „Kinderland“ hat schon ziemlich reingehauen, das lief gut, aber die anderen Bücher sind eher Werbung für die Lesungen. Und ich mache Workshops.

tip Stichwort Lesungen. Ihr werdet Eure neuen Bücher gemeinsam präsentieren. Machen Lesungen aus Comics Sinn?
Flix Als klar wurde, dass die Bücher gleichzeitig erscheinen, haben wir versucht, sie aufs gleiche Format zu bringen, weil die Strips in der Zeitung auch gleich groß sind. Da ergibt auch eine gemeinsame Buchpremiere Sinn. Und Lesungen aus Comics machen total Sinn, denn man erfährt dort mehr als bei einer Literaturlesung: Man kriegt die Bilder präsentiert und merkt genau, wie der Autor sich das alles vorgestellt hat. Und weil er seinen Rhythmus vorgibt, hat das was vom langsamen Kino.

Flix

tip Comics sind eher Kino als Literatur?
Mawil Ja. Ich stelle mir meine Comics gerne als Film vor und muss entscheiden, welche Szenen beziehungsweise Bilder ich da herausschnippeln kann, damit die Handlung im Kopf des Lesers ablaufen kann.
Flix Zudem kann man mit einer Lesung Leute erreichen, die nach wie vor Vorbehalte gegen Comics haben. Und da bekommen sie einen anderen Zugang zum Medium. Man hat also eine Möglichkeit, Leute anzusprechen, die das Buch allein nicht hat. Und die muss man nutzen. Das funktioniert super, denn genau dann kann man dem Publikum zeigen, was wir am meisten lieben: Comics.

Interview: Ted Baxter & Jacek Slaski

Foto: David von Becker;  Flix / Carlsen Verlag; Mawil/ Reprodukt
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