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Interview mit Helene Hegemann zu ihrem Debüt „Axolotl Roadkill“

Hegemann_Helenetip Nachdem im vergangenen Jahr dein Regiedebüt „Torpedo“ im Kino lief, veröffentlichst du mit 17 Jahren „Axolotl Roadkill“, deinen Debütroman. Deine Protagonistin Mifti ist so alt wie du und wirkt ab­geklärter als ihre älteren Freunde. Ist Mifti an dein eigenes Leben angelehnt?
Helene Hegemann Ich will jetzt nicht aufgrund eines Abwehrmechanismus alle Gemeinsamkeiten abstreiten, aber Mifti ist eine frei erfundene Figur. Ich bin ja leider Gottes in demselben Alter, und wer will, kann mich daran dingfest machen. Dadurch wird mir dann aber die Fähigkeit aberkannt, ein fiktives Werk durchzukomponieren. Ist schon komisch. Wenn Martin Walser in seinem Roman ganz offensichtlich über seinen eigenen Vater schreibt, fragt ihn aus Respekt keiner danach. Wenn ich über einen alkoholkranken Künstlervater mit schwach ausgeprägtem Familiensinn schreibe, dann denken alle, dass das zwangsläufig mein eigener sein muss. Mein eigener Vater …

tip … der ehemalige Volksbühnen-Chefdramaturg Carl Hegemann …
Hegemann … ist aber super. Und ich nehme auch keine Drogen, ich bin sogar zu faul zum Alkohol trinken.

tip Einige deiner Sätze klingen wie aus dem Nachtleben aufgeschnappt, etwa: „Ich gebe kein Geld mehr für Drogen aus, die Musik nicht zum Klingen bringen.“ Machst du dir unterwegs Notizen?
Hegemann Den Satz findest du gut? (lacht) Mit einem Diktiergerät rumzulaufen finde ich peinlich. Ich habe keine Recherche betrieben. Ich will das, was ich mache, nicht finden – das soll zu mir kommen. Clubben empfinde ich als autistischen Vorgang, ich gehe auch nicht gerne aus. Man geht in Clubs, weil man da entweder auf jemanden treffen will, den man scharf findet, oder um Drogen zu nehmen. Brauche ich beides nicht grade.

tip Der Ton, mit dem du die Berlin-Mitte-Welt der Künstler beschreibst, klingt wütend, mal verachtend. Ist Wut dein Antrieb?
Hegemann Überhaupt nicht. Ich glaube nicht an Leidensdruck als Voraussetzung für gute künstlerische Arbeit. Ich konnte am al­lerbesten schreiben, wenn ich morgens joggen und total ausgeglichen war. Was für ein strukturiertes Leben!

tip Würdest du dich denn auch als „wohlstandsverwahrlost“ wie Mifti bezeichnen?
Hegemann Ich? Mich? Nein. Das Buch ist wirklich keine Autobiografie, vielleicht so etwas wie eine alternative Biografie. Mein Umfeld besteht ja nicht aus Arschlöchern, sondern aus Freunden. Miftis Situation hat mich literarisch interessiert: komplett befreit zu sein von Konventionen, was aber nicht möglich ist, ohne sich komplett zu zerstören. Sie hat nichts mehr mit der regulären Auffassung eines Teenagers zu tun. Und die, die sie liebt, den abwesenden Vater, die ältere Modelfreundin, sind gleichzeitig ihre Anti-Vorbilder. Mifti ist mehr als nur irgendeine Drogenabhängige vom Kotti, sie hat eine Biografie. Und sie entscheidet sich bewusst für eine negative Entwicklung, indem sie Heroin probiert. Das zeugt auch von Mut.

tip Du hast die Schule abgebrochen, konzentrierst dich auf deine Arbeit als Autorin und Filmemacherin …
Hegemann Es gibt nur eine Sache, die ich an der Schule vermisse: die Ferien. Eine Auszeit zu nehmen, das geht von jetzt an nur noch über eine eigenständige Entscheidung.

tip Und wie lebst du jetzt?
Hegemann Ich lebe in einer Art kapitalismus­kompatibler Kommune. Das hat aber nichts mit Hippietum zu tun. Wir sind eigenständige Individuen, die darauf bedacht sind, an sich selbst interessiert zu sein, aber gleichzeitig eine Gemeinschaft zu suchen. Das geht ja im Kapitalismus nicht: Familienmitglied zu sein, ohne sich selbst zu vernachlässigen. Ich halte das Prinzip der Blutsverwandtschaft mit er­zwun­gener Bindung für überholt. Daher dieses Wahlverwandtschaftskonzept.

tip Was sagt dein Vater, zu dem du mit 13 Jahren von Bochum nach Berlin gezogen bist, dazu?
Hegemann Wir verstehen uns sehr gut. Er weiß, er kann mich nicht erziehen. Und ich kann ihn auch nicht erziehen. Uhrzeiten, Hausarreste, so was hat uns nie interessiert. Ich hatte nie das Bedürfnis, mich von meinem Vater zu distanzieren. Abgrenzungsbemühungen, derartiger Pubertätsstress – kenne ich nicht.

Moderation: Sassan Niasseri
Foto: Sören Stache/Ghost

Helene Hegemann „Axolotl Roadkill“, Ullstein, 208 Seiten, 14,95Ђ

HELENE HEGEMANN PORTRÄT (2009) 

PETER LAUDENBACHS BLOG: HEGEMANN UND DIE VOLKSBÜHNEN-KANTINE 

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