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Interview mit Inger-Maria Mahlke

Interview mit Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria Mahlke wurde 1977 in Hamburg geboren, wohnt in Neukölln. Mehrfach ausgezeichnet (u.a. Open Mike, 2009), Mit „Wie ihr wollt“ für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert.

tip Frau Mahlke, was haben Sie bei der Shortlist zum Deutschen Buchpreis – die Mitfavoriten Clemens J. Setz und Steffen Kopetzky raus, aber Inger-Maria Mahlke drin – gedacht? Ach du Scheiße?
Inger-Maria Mahlke?Genau. Ach du Scheiße! Und: Ich will das Hauen und Stechen, das jetzt losgeht, eigentlich nicht erleben. Weil jemand, der zeitgenössische Literatur schreibt, kein historisches Sujet wählt. Und schon gar nichts mit Tudor und Königinnen.

tip Ihr ersten beiden Romane  „Silberfischchen“ und „Rechnung offen“ spielten im Jetzt-Berlin. Was hat Sie jetzt überhaupt ins England der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verschlagen?
Inger-Maria Mahlke Ach, ich dachte, alle drei Bücher kann man sich sowas erlauben. Ich hatte schon ewig Bock, mal einen Tudor-Text zu schreiben – aus Tagebucheintragungen und vor allem aus Listen.

tip Beim Verlag war man sicher begeistert.
Inger-Maria Mahlke Ich habe dem Verlag erklärt, dass ich das machen möchte. Der sagte: „Okay, meine Liebe, wir wollen dich als Autorin halten, darum machen wir dieses Buch. Aber rein ökonomisch wird das nichts.“ Zu Recht, übrigens.

tip Ein Buch als ganz persönlicher Spleen von Inger-Maria Mahlke?
Inger-Maria Mahlke Ja! Ein Buch, wo alle davon ausgingen, dass es komplett unter dem Radar bleibt. Wie seine Hauptfigur.

tip Auf die kleinwüchsige Mary Grey mit gar nicht so fernem Thronanspruch, eine Randfigur der englischen Königsgeschichte, muss man aber auch erst mal kommen.
Inger-Maria Mahlke Ich fand sie sehr interessant, weil sie sehr zentral war, aber immer im toten Winkel.

tip Mary wurde wegen deshalb von ihrer Cousine Elizabeth I. unter Arrest gestellt.
Inger-Maria Mahlke Genau. Mary Greys ältere Schwester Jane ist sogar für neun Tage auf dem Thron gelandet – und dann geköpft worden.

tip Das Köpfen war damals groß in Mode. Im Buch beschreiben Sie anatomisch detailliert, wie man auf dem Schafott am wenigsten schmerzvoll seinen Kopf verliert.
Inger-Maria Mahlke Es gab zu jeder Hinrichtung den offiziellen Hinrichtungsbericht, die findet man alle in den Archiven. Die Berichte sind auch wirklich sehr ungeschönt. Zum Beispiel ist die Gräfin von Salisbury mit 17 Beilhieben zerhackt worden. Weil sie gezappelt hat.  Stillhalten, das steht im Buch, Stillhalten ist wichtig!

tip Sie wollen alles ganz genau wissen, was?
Inger-Maria Mahlke Ich bin sehr zwanghaft. Es ist kein klassischer historischer Roman. Aber ich ertrage es nicht, etwas hinzuschreiben, wenn ich es nicht genau weiß. Ich habe auch vieles nicht drin, das ich recherchiert habe. Zum Beispiel Toilettenpapier. Das waren damals Grasbüschel.

tip Bis auf Marys Zofe sind es alles historische Figuren. Im Buch gibt es eine Grafik der verzweigten Tudor-Verwandtschaft und ein Personenregister: 39 Leute! Plus Hofdamen, Dienstboten, Ratsmitglieder…
Inger-Maria Mahlke Eine Dauerüberforderung, ich weiß.

tip War diese Überforderung Absicht?
Inger-Maria Mahlke Eigentlich nicht. Es sind eben so viele Figuren. Ich habe schon reduziert. Da fehlt die Hälfte.

tip Wie einsam ist man, wenn man eineinhalb Jahre an so einem irrsinnigen Stoff arbeitet?
Inger-Maria Mahlke Man ist komplett in seinem Film! Und es gibt auf der Erde nur eine Handvoll Leute, die nachvollziehen könnten, wo man sich gerade befindet. Historiker vielleicht. Aber ich habe das Buch wirklich für mich geschrieben: So, jetzt habe ich mal Spaß, und das war es dann auch.

tip Als das Buch im März rauskam, haben Sie sich trotzdem Sorgen gemacht, oder?
Inger-Maria Mahlke Die Rezensionen kamen ja sehr spät. Darum galt es schon direkt nach Erscheinen als Flop. Im Juli dachten wir, das Buch sei durch, wir lassen es jetzt los, ich muss damit leben lernen.

tip Und man fürchtet jeden Tag, dass es an der Wohnungstür klingelt und davor eine Palette mit den vielen Restexemplaren steht?
Inger-Maria Mahlke Klar. Wobei die Auflage sehr klein war, von daher würden es nicht so viele Restexemplare sein (lacht). Darum war das Buch jedes Mal nach der Veröffentlichung der Long- und der Shortlist sofort vergriffen. Schon die Longlist-Nominierung war eine unglaubliche Überraschung für den Verlag und mich.

tip Überrascht waren auch manche Kritiker…
Inger-Maria Mahlke Als die Shortlist rauskam, habe ich mir die angsterfüllten Gesichter in den Redaktionen bei der Erkenntnis vorgestellt, dass jetzt vielleicht doch noch irgendjemand dort den Tudor-Scheiß lesen muss (lacht).

Interview: Erik Heier

Foto: David von Becker

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