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Interview mit Judith Hermann

Interview mit Judith Hermann

tip Frau Hermann, ein Roman! Wie konnte das denn bloß passieren?
Judith Hermann Es gibt diesen schönen Satz von Katja Lange-Müller: Nicht der Autor entscheide über die Länge eines Textes, sondern der Text entscheide das selbst. Und so ist das – der Text hat?s selbst entschieden.

tip Seit Ihrem gefeierten Debüt „Sommerhaus, später“ 1998 haben Sie zwei weitere Erzählbände vorgelegt.
Judith Hermann Eigentlich wollte ich einen weiteren Band mit Erzählungen schreiben. Aber insbesondere bei dieser Geschichte war das so, als würde ich viel zu viele Dinge in eine viel zu kleine Schachtel packen wollen, die Schachtel ließ sich nie schließen – und ich kam zu keinem Schluss.

tip Vor elf Jahren haben Sie Ihrem zweiten Buch „Nichts als Gespenster“ das Beach-Boys-Zitat „Wouldn’t it be nice if we could live here“ vorangestellt. Jetzt wohnt Ihre Romanfigur Stella in einer Vorortsiedlung, ihr Mann ist oft verreist, die eine Freundin weit weg.
Judith Hermann „Aller Liebe Anfang“ koppelt sich tatsächlich an dieses Zitat an. An die Ahnung von der Melancholie der Ankunft, die in „Nichts als Ge­spenster“ angedeutet wird. An die Frage, ob das nicht der Ort sein könnte, an dem wir leben wollen. Jetzt sind die Protagonisten angekommen, aber das Gefühl der Ambivalenz, der Ratlosigkeit dem Leben gegenüber bleibt.

tip Es ist wieder diese Judith Hermann’sche Grundmelancholie, wie sie alle Ihre vier Bücher durchzieht. Warum gönnen Sie Ihren Protagonisten nicht mal etwas …
Judith Hermann Heiterkeit?

tip Ja. Das Glas ist halb leer, nie halb voll.
Judith Hermann Ach, na ja, es ist nicht immer halb leer. Und ja, vielleicht entspricht mir das, ich weiß es nicht genau. Ich würde mich nicht als schwermütig bezeichnen, aber ich habe sicher eine gewisse Neigung zur Melancholie.

tip Stella wird von einem Nachbarn obsessiv verfolgt. Von einem Stalker. Wieso dann der Titel „Aller Liebe Anfang“?
Judith Hermann Weil das zentrale Thema der Erzählung das obsessive Projizieren ist, das Beharrenwollen, das Nicht-ablassen-Wollen von einer Idee. In gewisser Weise ist das doch ein Ursprung der Liebe, oder?

tip Sie lassen Stella schon sehr mit sich allein.
Judith Hermann Stella sucht sich das so aus, es ist ihr selbst gewähltes Alleinesein. Und sie ist nicht unglücklich dabei, eher konzentriert. Es gibt mit dem Älterwerden doch einige Reduktionen, ein allmähliches Begreifen des Satzes „Weniger ist mehr“. Wissen Sie, es ist banal, aber es ist so wie mit dem Rauchen. Früher habe ich unentwegt geraucht, jetzt rauche ich – glücklich – gar nicht mehr.

tip
Das ist aber schon ein paar Jahre her, oder?
Judith Hermann Fünf, sechs Jahre. In gewisser Hinsicht bin ich eine trockene Raucherin. Ich träume das manchmal, dass ich rauche.

tip Wie lange haben Sie denn gebraucht, um rauchfrei schreiben zu können?
Judith Hermann Ungefähr ein Jahr? Ich hätte ohnmächtig vom Stuhl fallen können, weil es so unendlich und schrecklich schwierig war, einen Satz ohne eine Zigarette zustande zu bringen. Ich glaube, dass dann „Alice“ …

tip … Ihr drittes Buch von 2009 …
Judith Hermann … ein so verknapptes Buch geworden ist, weil ich gar nicht mehr die Kraft für lange, elegische Sätze oder Gedanken hatte. Weil ich eben nicht rauchen, mich nicht hingeben durfte.

tip Man wird eben mit den Jahren vernünftiger.
Judith Hermann Genau. Aber die Vernunft bedeutet auch, dass man sich weniger verliert, dass man sich fügt und diszipliniert. Dass man ein Einsehen hat, zum Beispiel ein Einsehen in die Vorzüge des Alleineseins – so wie Stella.

tip Warum diese unurbane Vorort-Szenerie?
Judith Hermann Die Vorstellung, diese Geschichte in Prenzlauer Berg oder in Charlottenburg zu erzählen, fand ich fast schon öde. Und ich wollte eine gewisse statische Leere, ich wollte nicht ablenken und beruhigen durch eine vertraute Verortung. Aber darüber hinaus liegt es sicher auch daran, dass mein Verhältnis Berlin gegenüber distanzierter geworden ist, ambivalent.

tip Woher kommt diese Distanz?
Judith Hermann Ich verzweifele am Verlust der Brachen! Es ist ja jetzt fast schon ein Klischee, aber es ist wahr, Berlin hat aus Brachen bestanden, und die Brachen werden nacheinander zugebaut, die wilden und schönen Leerstellen verschwinden.

tip Schöneweide hat noch welche, hört man.
Judith Hermann Aber die können Sie zählen. Und in ein paar Monaten werden sie ganz weg sein. Keine Brachen mehr, keine Brandmauern, keine Provisorien, ich empfinde das als einen Verlust.

tip Reisen Sie deshalb gern, um sich zu vergewissern, dass Berlin dennoch ein guter Ort zum Leben ist?
Judith Hermann Ich reise lange nicht mehr so viel wie früher. Aber früher war es so, dass ich wegging, um mich nach Berlin umdrehen und von Amerika aus sehen zu können, dass das wohl doch die Stadt ist, in der ich leben möchte – oder auch irgendwie leben muss, weil ich mich woanders auf Dauer nicht wohlfühle, nicht sicher fühle.

tip
Seit „Sommerhaus, später“ galten Sie als „Stimme einer Generation“: Berliner Mittzwanziger mit vielen Optionen, aber wenigen Plänen. Glücklich damit?

Judith Hermann Nein, nicht wirklich glücklich. Ich hatte immer ein wenig das Gefühl, dass mir das etwas weggenommen hat. Für mich waren die Geschichten damals nicht Geschichten für eine ganze Generation, sie galten nicht für alle.

tip Wobei andere viel für so ein Label gäben.
Judith Hermann Ja, genau. Ich sollte mich nicht beschweren, ich will mich auch nicht beschweren, ich sollte das lassen. Aber dennoch – wenn ich als Stimme einer Generation hätte schreiben wollen, wäre ich gescheitert. Es gibt nicht nur eine Stimme, sondern viele, und ich sähe mich gar nicht in der Lage, sie zu verstehen und zu bündeln.

tip Also haben wir jetzt, im neuen Buch, nicht die Generation Eigenheim?
Judith Hermann Tja, det weeß ick nich. Oder entschiedener – nein, haben wir natürlich nicht. Wir haben einzelgängerische, autarke Figuren, und trotz ihrer Häuser sind sie immer noch Nomaden. Mister Pfister gehört sicher nicht zur Generation Eigenheim.

tip Der Stalker. Wie kamen Sie überhaupt auf diesen Namen?

Judith Hermann Ich weiß es nicht. Er muss in meinem Un­bewussten vergraben gewesen sein, von da aus ist er jedenfalls unvermutet aufgetaucht.

tip Laut Urban Dictionary ein sexuell konnotierter Begriff.
Judith Hermann Fisting, genau. Darauf bin ich bei Google ebenfalls gestoßen und war mit dem Assoziations­raum, nach einigen Bedenken, dann doch einverstanden.

tip Wollten Sie nicht irgendwann mal daheim ohne Internetanschluss auskommen?
Judith Hermann Ich hatte gedacht, ich schaffe mir das Internet für „Alice“ an und danach schaffe ich es sofort wieder ab. Und natürlich ist mir das nicht gelungen.

tip Jetzt, kurz bevor dieser von vielen Kritikern schon lange erwartete erste Roman erscheint: Was ist das für ein Gefühl?
Judith Hermann Eine sich steigernde Nervosität? Unruhe, große Spannung. Aber auch Erleichterung, Gelassenheit. Und manchmal sogar – Vorfreude.

tip Sie haben mal gesagt, Sie hätten dann oft den Impuls, Ihre Figuren verteidigen zu müssen. Eine Art Mutterinstinkt?
Judith Hermann Ja, diesen Impuls gibt es. Aber eigentlich weiß ich, dass die Figuren eigenständig genug sind. Dass sie bei sich sind.

Interview: Erik Heier

Foto:
Andreas Labes

tip-Bewertung:
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Aller liebe Anfang? von Judith Hermann, S. Fischer, 224 S., 19,99 Euro
Eine Vorortsiedlung, eine oft einsame Frau, ein Stalker. In ihrem ersten Roman dekliniert Judith Hermann in gewohnt kurzen, brillant präzisen Sätzen eine Obsession durch, mit aller Konsequenz – und Suspense-Effekten, die man so bei ihr noch nicht gelesen hat.

Buchpremiere: Haus der Berliner Festspiele,? Do 4.9., 20 Uhr, 12/8 Euro

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