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Interview mit Martin Schmitz

Interview mit Martin Schmitz

Geboren 1956 in Hamm/Westfalen, Architekturstudium in Kassel, kam um 1979 nach West-Berlin, wo er, beeindruckt vom Treiben der „Genialen Dilletanten“, immer wieder wohnte und sich 1998 endgültig niederließ. Er betrieb lange eine Galerie in einer alten Trinkhalle in Kassel und verlegt seit mittlerweile 25 Jahren Bücher in seinem Verlag, dem Martin Schmitz Verlag. Zu seinen Autoren zählen die Filmemacher Jörg Buttgereit, Rosa von Praunheim und Wenzel Storch, die Musiker Françoise Cactus und Klaus Beyer, der Designer Andreas Brandolini, der Künstler Marc Brandenburg und viele andere. Martin Schmitz hat derzeit an der Kunsthochschule in der Universität Kassel eine Professur für Theorie und Praxis der Gestaltung inne und wirkt gelegentlich als Kunstberater.

tip Herr Schmitz, wann sind Sie nach West-Berlin gekommen?
Martin Schmitz Im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung der damaligen Gesamthochschule Kassel waren sogenannte berufspraktische Semester vorgesehen. So ging ich 1979 nach West-Berlin zum Deutschen Institut für Urbanistik.

tip Mochten Sie Berlin damals?
Martin Schmitz Ja. Ich bin nachmittags immer früh nach Hause, habe gegessen, mich hingelegt und bin später abends auf die Piste gegangen. So habe ich den frühen Dschungel in der Nürnberger Straße mitgekriegt oder den Damaschke Night Club. Später, zu Besuch in Berlin, kam noch das Risiko oder die Oranienbar dazu.

tip Sie sind also nicht geblieben?
Martin Schmitz Nein, ich habe in Kassel weiterstudiert. Der Professor Lucius Burckhardt brachte uns bei: „Profis brauchen immer wieder neue Profis, um die Folgen ihrer Eingriffe zu beheben.“ Irgendwie glaubte ich, das hat was mit dem Festival der Genialen Dilletanten zu tun, das gehört alles zusammen.

tip Sie waren beim „Festival der Genialen Dilletanten“ anwesend, als am 4. September 1981 im Tempodrom die Einstürzenden Neubauten, Frieder Butzmann, Gudrun Gut, Wolfgang Müller, Christiane F., WestBam und viele andere „Die große Untergangsshow“ zelebrierten. Heute ist das Festival ein Gründungsmythos der West-Berliner Subkultur, wie hat das Ereignis auf Sie gewirkt?
Martin Schmitz Da brach etwas auf, was über das Hippietum, die sich etablierenden 68er und das derzeitige Kunstgeschehen weit hinausging. Dann kam das Merve-Büchlein „Geniale Dilletanten“ von Wolfgang Müller, eine schlaue Analyse und tolle Umsetzung. Mit Endzeitstimmung hatte das für mich nichts zu tun.

tip Sie standen sozusagen auf beiden Seiten der Theorie und Praxis?
Martin Schmitz In Berlin waren Gleichaltrige unterwegs, die mich interessiert haben. Das gab es in Kassel so nicht. Insbesondere war ich von Die Tödliche Doris fasziniert, die, ausgehend von der Musik, sämtliche Disziplinen der Kunst wie Film, Fotografie, Malerei, Performance et cetera nicht nur besetzte, sondern einzigartig verknüpfte. Parallel wurde der gesamte Kunst- und Kulturbetrieb hinterfragt. Das hatte viel mit dem kritischen Wissenschaftsverständnis meines Lehrers Lucius Burckhardt in Kassel gemeinsam.

tip Der heute von Ihnen verlegt wird.
Martin Schmitz Die Tödliche Doris und Lucius Burckhardt sind bei mir erschienen. Lucius Burckhardt versammelte seine Forschungen – beginnend 1949 – unter dem Dach einer neuen Wissenschaft: der Spaziergangswissenschaft, in der es um Mobilität, Wahrnehmung und Gestaltung geht. Nach seinem Tod in 2003 habe ich seine Texte mit Freunden neu zusammengestellt und herausgegeben. Es gab Monate, in denen ich jede Woche zu Vorträgen über ihn eingeladen war.

tip Aber noch einmal kurz zurück in die Vergangenheit. Sie sind nach Ihrem Diplom schließlich nach Berlin gezogen?
Martin Schmitz Ich bin für vier, fünf Jahre wieder nach Berlin gegangen und habe zum Beispiel im Frontkino in der Waldemarstraße, einem Veranstaltungsraum mit Bar in einer Fabriketage – unter anderem eine Super-8-Szene kennengelernt. Ich erinnere mich an Modeschauen, Ausstellungen, Die-Tödliche-Doris-Parties und das normale Kinoprogramm, in dem einmal „Apocalypse Now“ lief und die Projektion nicht auf die Leinwand passte und durch ein Bettlaken ergänzt werden musste. Dann kam die documenta in Kassel …

tip Bei der documenta zeigten Sie den West-Berliner Avantgarde-Super-8-Film aus dem Frontkino? Ein kurzer Weg vom Kreuzberger Hinterhof zur wichtigsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst.
Martin Schmitz Aus dieser Kenntnis entwickelte ich das Programm d-super-8 für die 8. documenta 1987. Da ließ mir der d8-Chef Manfred Schneckenburger freie Hand. Es dauerte aber etwas, bis auch die Mutter von Klaus Beyer ihre Einwilligung gab, dass seine Filmspulen aus der Reichenberger Straße nach Kassel gelangen konnten; immerhin Originale, keine Kopien. Aber auch Herbert Achternbusch war im Programm, der die Fördergelder seines Jesus-Filmes wegen „Gotteslästerung“ zurückgeben musste und seinen nächsten Film auf Super 8 während einer Leserreise mit der Süddeutschen Zeitung in Peking drehte. Ich glaubte nicht an die eigene Ästhetik des Super 8, sondern an die Möglichkeit der Filmemacher, preiswert einen Film zu machen – das gab es ja alles preiswert auf dem Flohmarkt. Schlechter Ton und unscharfe Bilder wurden in Kauf genommen. Aber ich wurde auch durch die Galerie Eisenbahnstraße sehr beeinflusst.

tip Die Galerie Eisenbahnstraße?
Martin Schmitz Die Galerie war in einem ehemaligen Kohlenkeller eines besetzten Hauses, dem Bauhof in der Manteuffelstraße, untergebracht. Geleitet wurde sie von Wolfgang Müller und Ueli Etter. Moritz Reichelt zeigte dort seine Bilder, Heinz Emigholz filmte in seiner Installation und Markus Riedel kommentierte zwölf Stunden am Stück das gesamte Super-8-Familienfilm-Material seines Vaters. Das haben wir in Kassel auch gezeigt. In der Galerie Eisenbahnstraße trug ich 1986 zum ersten Mal meine „Weltsekunden des Dilettantismus“ vor, das ist seit vielen Jahren ein Forschungsgebiet von mir. Auf der Einladung stand „geheizt“.

tip War West-Berlin ein guter Ort für Dilettanten, gehörte das irgendwie zusammen?
Martin Schmitz West-Berlin war preiswert, und wer schlau war, meldete sich schon vor der Musterung dort mit erstem Wohnsitz an: keine Bundeswehr! Auf dieser Insel versammelten sich bestimmte Menschen aus West-Deutschland. Ganze Wohnviertel landeten auf dem Müll und sollten abgerissen werden. Genug Platz und Möglichkeiten also, um etwas zu machen. Das gab es in keiner anderen Stadt.

tip Es gab diese massiven Abrisspläne vom damaligen Senat, gegen die dann die Hausbesetzer radikal protestiert haben.
Martin Schmitz Es sollte ja alles weg in Kreuzberg. Am Oranienplatz war ein Autobahnkreuz vorgesehen, in der Waldemarstraße der Autobahnzubringer. Die Bebauungspläne für die Autobahntangenten waren bis Mitte der Achtziger gültig. Die besten Architekten und Stadtplaner in Kreuzberg waren die Türken und die Hausbesetzer. Die haben den ganzen Stadtteil besetzt und uminterpretiert. Als Reaktion entwickelte sich dann auch die IBA-Alt, als Teil der Internationalen Bauausstellung 1985. In den letzten Jahren fand erneut eine Uminterpretation statt. Das zunächst gehasste Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor ist durch die Bewohner und kulturellen Szenen hip geworden. Das hat mit Planung nichts zu tun, denn die hätte vorausschauend die Gentrifizierung – steigende Mieten – politisch lenken müssen.

tip Wie haben Sie sich als Dilettantismus-Forscher zu jener Zeit finanziell über Wasser gehalten?
Martin Schmitz Ich war Korrespondent für eine Schweizer Architekturzeitschrift, da kam immer ein wenig Geld rein. 1987 war die documenta, für die ich gearbeitet habe, das ging dann auch. Aber 1988 – nach meinem zweiten Abschluss zum Dipl.Ing. – musste ich mir ernsthaft überlegen, was aus mir werden soll. Ich war in Kassel und dachte an eine Doktorarbeit. Aber jetzt noch mal für drei bis vier Jahre einsam an den Schreibtisch? Mach doch eine Galerie auf, riet mir damals Wolfgang Müller. Ich fand in Kassel dann schnell einen alten Kiosk für 150 DM im Monat. Das hat auch irgendwie gepasst, denn ich hatte meine Diplomarbeit über die Kultur der Imbissbude geschrieben, die als Buch erschienen war. Ab 1989 war ich also dann Galerist.

tip Und gleichzeitig sind Sie auch Verleger geworden?
Martin Schmitz Nur Galerie in Kassel erschien mir etwas wenig und zu ortsgebunden, da ich ja auch viel in Berlin und anderen Städten unterwegs war und sein wollte. So kam die Idee mit dem Verlag. Dann ging es los. Die erste Ausstellung war „Herzlich Willkommen“ von Wolfgang Müller. Im Fenster stand sein Objekt „Sieg durch Schweben“, was mal eine Auszeichnung für fleißige Werktätige in der DDR gewesen und vom Künstler mit einem neuen Text versehen worden war. Am 9. November 1989, zwei Wochen nach Ausstellungseröffnung, standen dann die Trabbis vor der Tür. Zeitgleich erschien das erste Buch: „Die allerallerschönsten Interviews/Bat – Das Buch zur Schallplatte“ von Wolfgang Müller; eigentlich zwei Bücher in einem. Ein Freund hatte bereits alle Möglichkeiten, das Buch im Computer zu setzen, der Vertrieb wurde selber gemacht.

tip Das Geflecht aus Galerie und Verlag ging ökonomisch auf?
Martin Schmitz Ich habe in der Galerie Bilder verkauft und konnte so die Druckerei bezahlen. Manchmal war es auch umgekehrt, spätestens mit „Blue“ von Derek Jarman, das mich länger finanziell über Wasser gehalten hat. Ich saß da in meiner Galerie, schrieb Rechnungen und habe die Bücher verschickt. Manchmal erschienen sechs Bücher im Jahr, manchmal nur eins. Das hat bis 1997 gut mit der Galerie und dem Verlag funktioniert, zumal noch ein schöner Auftrag zur künstlerischen Ausgestaltung eines neu gebauten Versicherungsgebäudes in Kassel hinzukam. Nach acht Jahren habe ich die Galerie während der 10. documenta 1997 wieder in eine Trinkhalle zurückverwandelt und geschlossen. 1998 bin ich dann „ganz“ nach Berlin gezogen, der Verlag ist ja schon seit 1995 hier ansässig.

tip Wie setzen Sie die thematischen Schwerpunkte des Verlagsprogramms?
Martin Schmitz In diesem Jahr ist „Wurmparade auf dem Zombiehof“, ein Buch über den Trash-Film von Christian Keßler erschienen. In der Inhaltsbeschreibung auf dem Buchrücken wird gefragt: Wo endet das Kino? Es endet nirgendwo! Es gibt also noch etwas ganz anderes als Hollywood oder den etablierten Kunstfilm. Auch bei Frieder Butzmann spielt das eine Rolle.

tip Auch den Berliner Komponisten und Autor haben Sie verlegt.
Martin Schmitz Genau, Frieder Butzmann stellt in seinem Buch „Musik im Großen und Ganzen“ auch eine ähnliche Frage: Wo fängt Musik an, und wo hört sie auf? Er schreibt einen Ergänzungsband zum MGG, der größten Musikenzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“, und versammelt dort alles, was er auch zugehörig findet zur Musik. Wir durften es leider nicht offiziell „Ergänzungsband zum MGG“ nennen und haben es auch nicht gemacht; keine Chance beim Gericht und Einstampfen ist nicht schön. Wir kamen dann aber auch auf ein MGG = Musik im Großen und Ganzen. Das große Thema ist der Blick zwischen die Disziplinen. Denn irgendwo hört Musik natürlich auf, aber was fängt dann an? Sprache, Geräusch, Malerei. Wolfgang Müllers „Blue Tit – Das Deutsch-Isländische Blaumeisenbuch“ ist in diesem Sinn ein Meisterwerk: Es entzieht sich einem bestimmten Genre, es ist gleichzeitig ein Kunstkatalog und ein Reiseführer. Beim Hessischen Rundfunk wurde es vom Feuilleton zum Modernen Leben und weiter zur Reiseabteilung gereicht. Da kommen wir zu einem Punkt, an dem sich niemand mehr zuständig fühlt wie bei der Ursonate von Schwitters.

tip Außer Martin Schmitz …
Martin Schmitz Der Verlag bietet Autoren ein Forum, die die künstlerischen Genres wie Musik, Film, Text, Design, Architektur, Musik oder Malerei überschreiten, sich zwischen ihnen bewegen und mit ihnen experimentieren. Wie sagte noch Joseph Beuys? „Ich war auch nicht immer berühmt.“

Interview: Jacek Slaski

Foto: Patricia Schindler

Mehr Informationen zum Martin Schmitz Verlag finden Sie hier.

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