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Interview mit Prof. Dr. ?Susan Neiman

Interview mit Prof. Dr. ?Susan Neiman

Die Amerikanerin ?Susan Neiman, 60, promovierte in Harvard bei John Rawls, wurde später selbst Professorin in Yale („Zu viel Elfenbeinturm“, sagt sie heute). Jetzt ist sie Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam. Ihr Buch „Warum erwachsen werden?“ (Hanser Berlin) widmet sich allgemein verständlich der Philosophie des Erwachsenwerdens.

tip Berlin ist eine junge Hauptstadt, gibt sich bei allen Gelegenheiten extrem unerwachsen. Ist Berlin kindisch?
Susan Neiman?Nein! Ich war 28, als ich zum ersten Mal nach Berlin kam. In Amerika ­fühlte ich mich sehr unter Druck, mich festzulegen – als ob mit 30 alles fertig stehen müsste: Beruf, Lebenspartner, das erste Kind. Für mich war und ist es befreiend zu sehen, wie viele Leute hier leben, die sich noch mit 40 und mit 50 verändern, sich nicht festgelegt haben. Berlin ist nie fertig. Ich weiß nicht, ob ich mich noch als Hipster ausgeben kann oder will. Im Berghain sind doch auch nicht nur 25-Jährige, oder? Ich gebe zu: Ich muss dort auch mal hin! (lacht)

tip In Berlin halten sich viele gerne alle Möglichkeiten offen, von der Abend- bis zur Lebensplanung. Gehört es nicht zum ­Erwachsenwerden, dass man sich verbindlich entscheidet?
Susan Neiman Gegen dieses Bild wehre ich mich. Vielleicht aus der eigenen Biografie heraus, die viele Wendungen genommen hat: Länder, Jobs, ­Interessen. Einiges wird fest, wenn man Kinder hat, aber bei Weitem nicht alles. Gerade dieses Sich-nicht-ganz-Festlegen in Berlin ist eine Möglichkeit, anders erwachsen zu ­werden! Manchmal ärgere ich mich über die deutsche Verunsicherung, aber sie hat auch Vorteile. Und die sieht man nirgendwo besser als in Berlin.

tip Sie empfehlen Reisen und eine erfüllende Arbeit. Beides ist in Berlin nicht so einfach: hohe Arbeitslosigkeit, viele Leute verlassen nicht mal ihren Kiez, von Weltreisen ganz zu schweigen.
Susan Neiman Ich hab nichts gegen Kurzurlaub, aber wenn ich von Reisen als Mittel zum Erwachsenwerden spreche, meine ich etwas ganz anderes. Es kostet kaum Geld. Man findet im Internet Tausende Möglichkeiten, im Ausland zu ­arbeiten. Das ist wirklich jedem möglich. Und selbst wenn man keine Arbeit für den Sinn des Lebens findet, kann man sie trotzdem gut machen und Sinn anderswo finden. Drei Tage in der Woche tischlern, vier Tage lang Kunst machen zum Beispiel. Oder 30 Stunden im Konzern arbeiten und sich dann für Süchtige engagieren. Wichtig beim Erwachsenwerden ist das Gefühl: Man bewegt ein kleines Stück der Welt. Man konsumiert nicht nur.

tip Wir leben nicht nur in Berlin, sondern auch im Internet. In Ihrem Buch empfehlen Sie zwar Internetabstinenz, haben aber auf meine E-Mails immer sehr schnell geantwortet.
Susan Neiman Ich mache ganz bewusst Pausen, es gibt auch Zeiten, in denen ich nicht so schnell geantwortet hätte. Zu bestimmten Zeiten kann man tatsächlich den Internetkonsum ohne Pro­bleme auf zwei bis drei Stunden pro Woche he­runterstufen, ohne etwas zu verpassen.

tip Birgt das Internet die Gefahr, infantil zu werden? Viele schauen sich schließlich lustige Katzenvideos an …
Susan Neiman … und Kim Kardashian ohne Ende. Eine faszinierende Figur, wie ich finde, und ein Sinnbild von allem, was problematisch ist in unserer Zeit. Wie man sich so hocharbeitet mit Soft-Porn, ist wirklich interessant. Ich nutze keine Social Media und meine Kinder sagen, dass ich deshalb nur zur Hälfte weiß, wie schlecht ­unsere Kultur wirklich ist. Nach der Fertigstellung des Buches ist mir ein interessanter ­Gedanke von Rousseau eingefallen: Für ihn ist die Quelle allen Übels die Tatsache, dass wir unfähig sind, eine gesunde Selbstliebe zu ­entwickeln, weil wir uns immer in den Augen der anderen betrachten.

tip Es ist ein kindliches Fishing for Compliments. Man postet und möchte, dass die anderen auf „Like“ klicken.
Susan Neiman Ja! Sie haben recht, es gibt diesen kindlichen Wunsch nach „Likes“. 

tip А la: „Mama, schau, was ich Tolles gebastelt habe!“
Susan Neiman Ja, genau! Ich verstehe wahrlich nicht, warum jemand sein Essen fotografiert und postet.

tip Wann haben Sie sich denn zum ersten Mal erwachsen gefühlt?
Susan Neiman Je mehr ich darüber nachdenke, finde ich es zunehmend falsch, von „erwachsen sein“ zu sprechen. Das würde heißen, man wächst nicht mehr. Um die 50 herum hatte ich aber das ­schöne Gefühl: Jetzt weiß ich ungefähr, wer ich bin und was ich kann.

tip Warum ist das Peter-Pan-Syndrom so weit verbreitet?
Susan Neiman Weil wir kein schönes, attraktives Bild vom Erwachsenwerden haben. Peter Pan wird als Rebell, als Held gesehen, weil er sich weigert, sich in die hochkonforme Gesellschaft einzufügen. Die wirkliche Weigerung wäre doch aber zu sagen: Hey, ich will erwachsen werden, es aber selbst gestalten. Stattdessen sieht man nur die grauen, gestressten, unglücklichen Eltern und Lehrer.

tip Hängt das Nicht-erwachsen-werden-Wollen mit dem Nicht-alt-werden-Wollen zusammen?
Susan Neiman Sprüche wie „60 ist das neue 40“ sehe ich als Teil des Problems. Wenn jemand lebensfroh und weltoffen ist, sagt man: „Der ist im Herzen jung geblieben.“ Diese Banalitäten der Sprache reichen sehr tief. Dabei gibt es gute Gegenbeispiele: Bob Dylan, Leonard Cohen und Bruce Springsteen sind nach wie vor fantastisch. Picasso war noch mit 90 nach wie vor kreativ.

tip Warum ist das Erwachsenwerden überhaupt ein Thema für die Philosophie?
Susan Neiman Weil es sehr viel zu tun hat mit der alten ­griechischen Frage, was ein gutes Leben ist. Ich finde sehr interessant, dass zwei Philosophen, die sich ausdrücklich mit dem Erwachsenwerden beschäftigt haben – Rousseau und Kant –, beide im Zeitalter der Aufklärung gelebt haben.

tip Vorher gab es keine Kindheit.
Susan Neiman Ja, kaum. Und man hat fast immer das ­gemacht, was die Eltern vorher gemacht ­hatten. Anfang des 18. Jahrhunderts änderte sich das. Man denkt immer, Rousseau sei der wilde Romantiker, Kant der ausgetrocknete preußische Professor. Aber beide kommen aus kleinen Handwerksfamilien. Ich denke, ­deshalb war für beide das Erwachsenwerden ein Problem. Ein persönliches, aber in erster Linie ein politisches. Anderes Erwachsenwerden würde die Gesellschaft heilen – das war eine revolutionäre Idee! Kant nannte die Erziehung, Rousseau folgend, das „schwierigste Problem der Menschheit“. Ich habe aber nie einen Kant-Forscher kennengelernt, der das beachtet. Merkwürdig, oder?

tip Liegt das an den Männern?
Susan Neiman Ich bin nicht geneigt, Männern die Schuld an allem zu geben. (lacht) Ich kenne Frauen, die in der Philosophie beim gleichen Fragenkatalog bleiben. Bei Kant wird oft nur der langweiligste Teil seiner Texte gelesen. Man liest die „Kritik der reinen Vernunft“ nicht einmal zu Ende.

tip Als Schüler kommt man in Deutschland jedenfalls nicht um Kants „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herum. Ist das für Sie Erwachsenwerden?
Susan Neiman Wahnsinnig interessant ist dieser Satz. Alle kennen ihn und alle stöhnen ein bisschen! (lacht) Er ist zum neoliberalen Mantra geworden: „Es ist deine Schuld, wenn du nicht erwachsen bist! Du bist zu faul, du bist zu feige!“ Aber gleich nach diesem Satz sagt Kant, dass die Regierungen überhaupt keine Lust darauf haben, dass wir erwachsen werden – weil Unerwachsene einfacher zu regieren sind als mündige Bürger. Uns wird eingeredet, Erwachsenwerden hieße, den richtigen Computer und das richtige Auto zu haben. Das ist im Sinne einer Konsumgesellschaft. Mit 19 stellt man wirklich wichtige Fragen, aber dann soll man sich wieder mit Spielzeugen beschäftigen – angeblich Werkzeuge des erwachsenen Lebens.

Interview:
Stefan Hochgesand

Foto: David von Becker

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