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Interview mit Torsten Schulz

TorstenSchulzDein neuer Roman „Nilowsky“ ist ebenso wie „Boxhagener Platz“ in der DDR angesiedelt, was aber zu vernachlässigen ist. Viel wichtiger aber scheint, dass es eine Geschichte von der Freundschaft zweier Jungen ist.  
Torsten Schulz
Mein erzählerisches Vorhaben war es, mich mit den Wirren der Pubertät zu beschäftigen, noch einmal tiefgreifend da einzutauchen.  Ich glaube, dass es Jugend als etwas Abgeschlossenes gar nicht gibt, wir schleppen Jugend ein Leben lang mit uns herum, entwickeln mit dem Älterwerden eine Art Instrumentarium, um mit unliebsamen Erscheinungen, denen wir in der Pubertät noch ausgeliefert waren, besser umgehen zu können: Liebesdinge, familiäre Problematiken… Wir bleiben gewissermaßen in diesen essentiellen Dingen verhaftet.
Das Thema „DDR“ gibt es, so wie ich Literatur verstehe, nicht. Ähnlich wie es wohl auch nicht die Themen „Supermarkt“ oder „Grönland“ gibt. Ingredienzien, die mit DDR zu tun haben, befinden sich im Roman eher am Rande. Um der Geschichte eine Aura zu geben, verwende ich natürlich Details und Namen, die sind aber bewusst sparsam eingesetzt.

Die Geschichte würde ja genauso funktionieren, wenn sie in Baden bei Wien passiert wäre.
Zumindest insoweit wie etwas Archetypisches – so hoffe ich – im Vordergrund steht: Die schwierige, ambivalente Freundschaftskonstellation der Jungs, zu der obendrein ein Mädchen gehört. Ich freue mich, wenn Menschen mir berichten, dass dieser Roman in seinem Verlauf und Sinngehalt für sie nachvollziehbar ist, ja spannend oder gar mit Sogwirkung. Ähnlich war es mit „Boxhagener Platz“: Die Geschichte wurde auch von Menschen verstanden, die beispielsweise in London oder Hamburg groß geworden sind.

In der Kulturwissenschaft spielt ja das Konstrukt der Jugend eine Rolle. Es handelt sich um ein modernes Phänomen, das erst in der Epoche des „Sturm und Drang“ auftaucht. Neurowissenschaftler stellen aber fest, dass zwischen 15 und 17 Jahren im Gehirn etwas passiert, das gemeinhin mit Pubertät und Hormonen erklärt wird. Tatsächlich findet in dieser Zeit ein Umbau im Gehirn statt, der das Verhalten der Jugendlichen irrational erscheinen lässt. Wie konnotierst du Jugend?  
Als Übergang von der doch mehr oder minder auch anarchisch geprägten Kindheit zum Erwachsenenleben, bei dem man sich eher an Regeln und gesellschaftliche Verabredungen halten muss. Mit anderen Worten: Eine Art Aufwallung – als ob zwei Wasserströme zusammengestoßen sind und dadurch ein unbändiges Gewässer mit Strudeln entstanden ist. Momente von Jugend, dieser außergewöhnlichen Phase,  tauchen im Leben immer wieder auf, das ließe sich sicherlich wissenschaftlich auch tiefgreifender auswerten: Die Midlifecrisis, das 30. Lebensjahr… das sind auch durchaus eruptive Phasen des Lebens, immer wieder gekoppelt mit Krise, Trennung, Neuanfang…

Heiner Müller hat mal gesagt, die größte Form in der deutschen Literatur sei das Fragment, Dinge auszuerzählen, entmündige den Leser, nehme Nimbus von der Kunst. In einigen Deiner Drehbücher wie „Raus aus der Haut“ oder auch in Deinen Kurzgeschichten arbeitest du mit einem offenen Ende. Passt „Nilowsky“ in dieses Muster?  
Was die innere Reise der Figuren angeht und alles, was damit verbunden ist, nicht zuletzt bestimmte Fragestellungen, die unter der Handlung liegen, hoffe ich, dass zum Ende hin eine gewisse Offenheit entsteht, die man mit dem Begriff Fragment vielleicht in Verbindung bringen kann. Andererseits neige ich zum guten traditionellen Erzählen, in dem die Komposition eines Romans Ausdruck seiner Grundidee ist.

Die Entwicklung der Figur aber bleibt fragmentarisch, lässt Raum für Fragen.
Ja, das hoffe ich. Die Figuren gehen nicht wirklich auf, wiewohl sich der Leser natürlich und vor allen Dingen ein Bild von ihnen machen kann.

Hast du für dich selbst diese Fragen weitergesponnen? Was ist aus Nilowsky tatsächlich konkret geworden? Das wird ab einem bestimmten Punkt sehr nebulös.
Vermutlich wird es mit ihm destruktiv weitergegangen sein, vielleicht hat er sich sogar totgesoffen, oder er ist wieder im Knast gelandet… Aus der Sicht des Erzählers war es mir hingegen wichtig, Nilowsky eine gewisse Würde zu geben. So entschließt sich der Erzähler zu einer Art Epilog mit positiver Mutmaßung. Er sieht Nilowsky am Ende eben so, wie er ihn sehen will.

Wo sehen wir Markus Bäcker und Carola?
Markus Bäcker, das wird angedeutet, wird wohl ordentlich und verantwortungsbewusst leben: als Lehrer. Die Geschichte, die er uns erzählt hat, hat ihn bestimmt stärker gemacht. Und Carola? Weiß ich nicht. Vieles scheint möglich, es deutet sich an, dass sie ein Leben als gutaussehende, unternehmungsfreudige, beruflich halbwegs erfolgreiche Frau führt. Ob sie tief im Inneren damit zufrieden und glücklich ist, sei dahingestellt.

Interview: Ronald Klein
Foto: Dieter Chill

 

Lesung von Torsten Schulz
am 13.6., 20 Uhr bei BötzowBuch

 

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