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Irvine Welshs „Die Bettgeschichten der Meisterköche“


Es wird früh dunkel, ist verregnet, kalt: Edinburgh, die Randzone Europas. „Schimpft sich eine Haupstadt, doch die wichtigen Entscheidungen werden immer noch viele Meilen entfernt getroffen. Perfekte Rahmenbedingungen für selbstzerstörerische, exzessive Saufgelage“. Perfekte Rahmenbedingungen auch für Irvine Welshs neuen Roman. Dessen Figuren scheitern, anders als in „Trainspotting“ oder „Porno“, zwar nicht ausschließlich durch ungezügelten Drogenkonsum und Sex. Alkohol, viel Alkohol und destruktive Zwangsvorstellungen richten dennoch ihr Unheil an. Die Protagonisten wirken dabei, als seien sie fasziniert von dieser abscheulichen Welt, nicht überfordert. Sie liegen oft daneben, haben aber keine Zweifel. Das macht Welshs Figuren zu sympathischen, traurigen Helden.
Irvine Welsh
Irvine WelshHier sind es zwei Restaurantinspekteure Anfang Zwanzig, und die bekriegen sich bis aufs Blut: Der Aufreißer Danny Skinner mobbt seinen neuen Kollegen, den schüchternen, bei Frauen unerfahrenen Kibby. Gleichzeitig spüren sie eine Art Seelenverwandtschaft. Irgendetwas, das sie verbindet. Je kranker Kibby durch die Feindschaft wird, desto schlechter geht es auch Skinner. Kibby wird zu Skinners Spiegelbild, zur „Road Map der Sterblichkeit“.

Beide empfinden eine tiefe Wut auf die Welt: Skinner, weil er endlich seinen Vater finden will, und von dem er nur weiß, dass er während der Punk-Ära als Koch arbeitete und seine Mutter am Abend eines Clash-Konzerts 1980 schwängerte. Kibby, weil er als Sproß eines gewalttätigen Alkoholikers zum Muttersöhnchen, Verlierer, Gott einer Miniatureisenbahnwelt und gewissengeplagtem Onanierer wurde.

Welsh versteht es auch diesmal, seinen brutalen Protagonisten eine überzeugende Opfer-Lebensgeschichte zu schreiben. Sie können wenig für alles, das macht alles so traurig. Die einzige Schwäche des Romans ist die früh vorhersehbare Konstellation, das geheime Band, dass die zwei Streithähne, denen ein Familienmitglied fehlt, verbindet. Der Überraschungseffekt bleibt deshalb aus. Das tragikomische Ende aber ist ein Grund mehr für jeden, über verpasste Lebensmöglichkeiten nachzudenken.

Irvine Welsh: „Die Bettgeschichten der Meisterköche“
Kiepenheuer & Witsch, 423 Seiten, 9,95 Euro

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