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A. J. Liebling: „Die artige Kunst“

boxenLiebling kennt keinen Dünkel, Berührungsängste schon gar nicht, und dieses ironisch-herablassende Getue, das man gewahren muss, wenn sich der Feuilletonpharisäer mal wieder „unter seinem Niveau amüsiert“ hat, wird man bei ihm vergeblich suchen. Der Mann ist Fan und also zwangsläufig auch ein großer Kenner des Boxens. Und wie sein Vorgänger Pierce Egan, der „Herodot des Pugilismus“, dessen „Boxiana“ er immer wieder zustimmend zitiert und so schmackhaft macht, dass man die­se Boxreportagen aus dem frühen 19. Jahrhundert auch bald mal auf Deutsch lesen möchte – wie Egan begreift er diesen Sport als eine einzigartige Kunstform, die vom Künstler außerordentliche Quali­täten verlangt. Oder, wie Liebling es mal mit Blick auf seinen Favoriten, den wackeren „Schlagfresser“ und jeden Gegner zermürbenden Haudrauf Rocky Marciano formuliert: „Mehr denn je ähnelte er einer Dänischen Dogge, die das Wort ‚Knochen‘ gehört hat.“

Lieblings unterhaltsam plaudernde, die Spannung vergangener Kämpfe gut transportierende Reportagen sind Spaziergänge durch eine ferne Zeit. In den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts war ein Boxkampf noch ein wahrhaft Massen mobilisierendes, Großstädte wie Chicago und New York in den Ausnahmezustand versetzendes, über Schicht- und Standesgrenzen hinweg heiß dis­kutiertes gesellschaftliches Ereignis. Und auch noch nicht zwangsläufig zugerichtet auf die pünktliche Fernsehübertragung. Wenn es regnete, verschob man den Kampf einfach auf morgen. Zudem bestanden die mittlerweile zu Mythen transzendierten Recken Joe Louis, Rocky Marciano, Sugar Ray Robinson et cetera noch tatsächlich aus Fleisch und – für die Zuschauer ebenfalls gut sichtbar – Blut.

Liebling porträtiert aber nicht nur die Protagonisten und ihre „artige Kunst“, sondern auch das Milieu, die unbekannten, aber obligaten Spezialisten drum herum, die Promoter, Trainer, Ringbetreuer, Veteranen, ihre eigentümliche Sprache und ihre Rituale. So entsteht ein buntes, plastisches Bild einer vergangenen Soziokultur. Das gelingt nur guter Literatur. Diese Magazintexte sind das allemal.

Text: Frank Schäfer

tip-Bewertung: Herausragend

A. J. Liebling „Die artige Kunst. Joe Louis, Rocky Marciano und die klassische Ära des amerikanischen Boxkampfs“, aus dem Englischen von Joachim Kalka, Berenberg 2009, 167 Seiten, 19 Ђ

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