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Jackie A. über „Apple zum Frühstück“

Jackie_A_c_HSJackie, laut Verlag bist du eine „aussterbende Spezies“. Wie geht’s denn so?
Noch ganz gut. Ich war auch etwas überrascht. Auf die Idee kam mein Lektor.

Was die beim Blumenbar Verlag mit dem Begriff der aussterbenden Spezies meinen: analog geboren, digital erwachsen.
Wir leben tatsächlich in einer Zwischenzeit. Wir kennen noch Kassetten, Münzfernsprecher. Gleichzeitig haben wir Smartphone und Rechner, machen alles per Touchscreen.

Du bist ja auch auf Facebook sehr präsent.
Facebook funktioniert wie ein Club. Da hast du auch die coolen Leute, die schnell agieren, die gute Sprüche bringen. Im Internet habe ich einen anderen Freundeskreis als früher, als der sich nur aus dem Nachtlebenkreis gespeist hat. Programmierer, Musiker, Leute, die soziale Sachen organisieren, Autoren. Dieser Pool, diese Mischung ist genial. Nur wenn du ganz viel Glück hast, findest du eine Party, wo du so eine gute Mischung hast. Netzleben ist das neue Nachtleben.

Du bist Jahrgang 1970. Seit wann bist du als Nachtleben-Reporterin unterwegs?
Während ich meine Jugendtagebücher durchgeguckt habe …

… dein Buch besteht zum Teil aus alten Tagebuchnotizen, aber auch aus tip-Kolumnen, aus Blogeinträgen …
… ist mir aufgefallen, dass ich das offensichtlich seit dem zwölften Lebensjahr mache.

Erschrocken darüber?
Nee, ist lustig. Da stehen Sachen über schlechte Partys, wo die Musik nicht gut ist und die Gäste auch nichts taugen. Erstaunlich, wie man mit zwölf schon so harte Urteile fällen kann.

Anfang der 90er-Jahre wurdest du als Fördermaßnahme des Arbeitsamtes für schwer Vermittelbare zum Independentlabel von Gudrun Gut geschickt.
Ich war, wie viele, ein Problemfall: aus dem Osten, schwer vermittelbar, auch nicht aus supertollen Verhältnissen.  

Du warst zuvor mit Mutter und Schwester drei Monate vor dem Mauerfall aus der DDR über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik geflüchtet.
Ich bin nach der Flucht nach Berlin gekommen und dachte: so, geil. Erstmal Party. Ich habe mich dann über das Nachtleben definiert. Wie schon vorher im Osten.

Was meinst du mit „definiert“?
Ich habe so eine Theorie. Es gibt immer ein paar Leute im Nachtleben, die scheinen heraus. Wenn es sehr wichtig, sehr existenziell ist, was du da erlebst, dann wirst du so eine Gestalt. Das hat meistens damit zu tun, dass du einen Fluchtpunkt brauchst. Ich wurde eben mit 14, als „DDR-Lolita“, mit offenen Armen in meinem ersten Club empfangen.

Welcher Club war das?
Der legendäre Alex-Treff am Alex. Eine ganze Menge Leute kennen das. Dieses Ding, zum ersten Mal in einen Club zu kommen. Das Licht, die Musik. Diese Parallelwelt.

Parallelwelt? Zusatzwelt? Gegenwelt?
Alles das. In den 90ern wurde der Begriff „Living for the Night“ geprägt. So wie du da involviert warst, das gab es vorher nicht. Zwei Tage Ausgehen, drei Tage Ausgehen. Drogen nehmen oder nicht. Sich so sehr ins Nachtleben reinhauen, dass für den Alltag wenig Zeit blieb. Für Arbeit sowieso nicht.

In den 90ern war ja sowieso alles besser.
Totaler Quatsch. Ich höre das oft in meinem Umfeld. Nein, es ist jetzt so großartig, dass du alles hast. Spanier, Franzosen, Kanadier. Alles da. Ein riesiger Schmelztiegel mit ganz unterschiedlichen Einflüssen. Ich glaube, das Nachtleben war noch nie besser als heute.

JackieWir fragen ja in diesem Heft (tip 21/2013) alle möglichen Leute nach der besten Berliner Nachtleben-Nacht. Jetzt bist du dran.
Das beste Veranstaltungsteam: Bachstelzen. Beste Party haben die auch gemacht, vor ein paar Jahren in Tempelhof, wo früher mal der KitKatClub saß. Die haben das ganze Gelände bespielt, mit wahnsinniger Dekoration, konzeptionell von A bis Z durchdacht, aber mit liebevoller Hippieattitüde.

Kann man Exzess planen?
Eben nicht. Das habe ich mal in einem superkleinen Laden, heute What?! Club, erlebt. Da gingen BHs verloren, da ging es richtig rund. Es gibt immer diesen Zufallsmoment, dann entwickeln sich Energien, das ist ja das Tolle am Nachtleben. Ich bin aber auch ein Fan von dramatischen Momenten.

Ja bitte, ich höre?
Ich bin mal mit einem Schimmel ins damalige Rive Gauche geritten, zur Eröffnung, heute ist da der Grill Royal drin.

Aha. Wie Pippi Langstrumpf?
Eigentlich wie Bianca Jagger. Aber wahrscheinlich war es mehr wie Pippi. Jedenfalls war das ein totaler Ausnahmezustand. Die Smashing Pumpkins waren da, wir haben mit denen herumgetrunken. Ich hatte einen ziemlich großartigen Abend. Perücke verloren. Das ist immer ein gutes Zeichen.

Irgendwelche herausragenden Peinlichkeiten, an die du heute lieber nicht mehr erinnert werden willst?
Ich hab das Gefühl manchmal. Speziell, wenn ich alte Fotos durchschaue und mich dann irgendwo auf der Bar stehen sehe, mit einem Schild, darauf steht „Ficken“, mit drei Ausrufezeichen, und dann mein besoffener, schwer begeisterter Gesichtsausdruck über diesem Schild in goldenem Rahmen …

Kumpelnest vielleicht?
Nee, Tanzstelle in Schöneberg. Dann sieht man sich diese Bilder mit einem gewissen Befremden an. Aber ich habe mir vorgenommen, dass mir nichts mehr peinlich ist, so ein bisschen wie Scooter: einfach den Schuh lange durchziehen, die Sache aussitzen, am Ende wird das auch gut.

Schon mal gezählt, in wie vielen Locations du über die Jahre gefeiert hast?
Nein, wirklich nicht. Die erste Kolumne, die ich beim tip geschrieben habe, hieß: „Folgen Sie mir unauffällig.“ Ewig her. Ein Baustein der Kolumne war, dass ich mich dauernd in der Stadt verirre. Ich habe bis heute keinen guten Orientierungssinn.

Warum?
Weil Berlin nicht kontrollierbar ist. Du gehst andauernd irgendwo rein, und auf einem Hinterhof ist was, da findet irgendwas statt.

Ist das wirklich noch so wie, ja nun, früher?
Ich finde, ja. Natürlich verlagert sich das, in Mitte ist das nicht mehr ganz so. Aber selbst in der mittigsten Mitte gibt es noch einen illegalen riesigen Klub in einem Kellergewölbe, der keine Genehmigung hat.

Moment, ich notiere mal rasch die Adresse.
Nein! Aber doch, so was geht noch. Ich weiß nicht, wie lange noch, die Tendenz ist ja klar. Aber noch geht es.

Wie oft gehst du noch so richtig aus?
Richtig durchziehen läuft nicht mehr. Das ist vorbei. Riesenhaken dahinter. Geht nicht mehr. Aber immer mal wieder … wenn es eben Grund gibt. Da legt Carlos De Brito im Berghain oder in der Panorama-Bar auf. So speziellere Sachen. Aber klar, das muss schon sein.

Ist Nachtleben das Versprechen, immer jung zu bleiben, egal wie alt man ist?
Das wäre jetzt ganz schön Uschi-Glas-mäßig. Das Nachtleben ist eher das Versprechen, sehr früh sehr alt zu werden. Ich habe wenige Leute im Berliner Nachtleben getroffen, die wahnsinnig jung, unverbraucht und frisch geblieben sind.

Was man dir ja nicht ansieht. Schleimmodus wieder aus.
Ach, mach ruhig, das ist gut. (lacht)

Apropos Uschi Glas. Deine Schönheitstipps im Nachtleben waren noch mal welche?
Der beste Tipp: Auf gedämpftes Licht achten. Am besten nur eine Kerze. Mehr nicht. Dann siehst du top aus.

Deine Kolumne – wie das Buch – handelt auch vom Leben jenseits des Nachtlebens.
Das hat sich ja alles verschoben. Man wird älter, das Leben verändert sich. Ich habe einen Freund, ziehe jetzt aufs Land.

Das ist kein Rock ’n’ Roll.
Null. Aber das ist so ein Gegending. Das brauchst du, um Rock ’n’ Roll zu haben. Wobei: Bei mir ist das ja mehr Techno. Ich habe immer noch diesen Wohnzimmereffekt, wenn ich in einen Club komme. Ich fühle mich da zu Hause.

Interview: Erik Heier

Foto: Harry Schnitger

Jackie A.: „Apple zum Frühstück. Mein Leben zwischen Disco und Dispo“ Blumenbar, 236 Seiten, 16,99 Euro (ab 4.10.)

Lesung mit Jackie A. Mein Haus am See, Brunnenstraße 197-198, Mitte, Do 17.10., 19.30 Uhr

Wir verlosen 3×1 Buch Mail bis 10.10. an [email protected], Kennwort: Jackie

Zur Kolumne von Jacki A.

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