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Bücher

Jahresrückblick 2008 – die Tops und Flops der tip-Kritiker

Tom Bresemann

Top

China I: Wer hätte nicht gern den „Kaiser von China“ (Dumont) als Großvater in der Familie? Tilmann Rammstedts Kaiser jedenfalls hat das Potenzial, ein echter Uncle Toby (wie in Laurence Sternes „Tristram Shandy“) der Jetztzeit zu sein.

Flop
China II: Guns n` Roses, „Chinese Democracy“ (Album, Universal). Was zu beweisen war. Wenn Axl schon mit Rastas ankommt, und dann nach 15 Jahren mit einer Band, die aus lächerlichen Klonen besteht – was soll dabei schon rauskommen?

Und sonst:
China III: Wie oft im Jahr 2008, Aussagen, Titel, Worte im Zusammenhang mit China aufgetaucht sind! Zuletzt habe ich gelesen, dass die Wirtschaftskrise auch in China für gewaltige Probleme sorgt – na wenigstens das!

Andreas Burkhardt

Top
Ein Denkanstoß und Highlight war für mich „Sayonara, meine Bücher“ (S. Fischer) vom japanischen Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe (Sonderzeichen über den beiden O). Des Weiteren die Taschenbuch-Neuveröffentlichung „Tag und Nacht und auch im Sommer“ (BTB), die fröhlichen Leiden des Lehrers Frank McCourt.

Flop
„Der kleine Bruder“ (Eichborn) von Sven Regener, die Fortsetzung des Lehmann-Stoffes. Bemerkenswert allerdings, mit welch kindlichem Vergnügen Regener bei der Buchpremiere im Literarischen Colloqium Berlin über Regener lachen konnte.

Und sonst

Vor 30 Jahren erschien „Christiane F.“ Das Interesse an Deutschlands Kult-Junkie war in diesem Jahr zum Abreihern riesig, zumal Felscherinow selbst Anlass dazu gab. Von den Autoren aber, allen voran Kai Hermann, der dieses Jahr 70 wurde, hat die Medienwelt so gut wie keine Notiz genommen.

Ralph Gerstenberg

Top

„Last Drinks“ von Andrew McGahan (Kunstmann). Ein Thriller über Korruption im australischen Queensland, die Brüchigkeit der eigenen Existenz und die unheilvolle Macht der Vergangenheit. Andrew McGahans Schilderungen von Rausch und Alkoholsucht gehören zu den schonungslosesten seit Falladas „Der
Trinker“ und Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“. Spannend und wahrhaftig!

Flop

Überraschend uninspiriert: Sven Regeners Abschluss der Lehmann-Trilogie „Der kleine Bruder“ (Eichborn). Die Geschichte vom Auf- und Eintauchen des Bremer Wehrdienstverweigerers im Kreuzberger Underground der frühen Achtziger verliert nach einem verheißungsvollen Start bald an Fahrt. Regener verzichtet auf eine tragende Story und die liebevolle
Figurenzeichnungen seiner Vorgängerromane. So gelingen ihm oft nur Karikaturen und Klischees. Schade!

Und sonst

Bemerkenswert am diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb war vor allem die
Tatsache, dass mit Tilman Rammstedts „Der Kaiser von China“ ein Text gewonnen hat, der auch aufgrund seiner absurden Komik richtig Spaß macht. Sollte das neuerdings erlaubt sein? Humor? Beim Klagenfurter
Ernstbetergremium? Schön wär’s!

Ronald Götting

Top

Was für ein Debüt hat Benedict Wells mit „Becks letzter Sommer“ (Diogenes Verlag) doch abgeliefert! Der erst 24-jährige Wahlberliner zieht virtuos sämtliche Stilregister, mischt sich selbst in die Handlung seiner sehr authentischen Figuren ein und weiß ebenso tiefgründig wie witzig zu erzählen. So mitreißend war seit Jack Kerouac kaum einer „Unterwegs“.

Flop

Der Flop des Jahres war Tanja Langers „Nächte am Rande der inneren Stadt“ (Deutscher Taschenbuch Verlag) sicher nicht. Eher schon ihr wenig souveräner Umgang mit Kritik: Wenn der Rezensent nur zu dem Urteil „annehmbar“ kommt (TIP 08/08), muss das natürlich an dessen „Art zu lesen“ liegen, nicht etwa an einem wenig herausragenden Buch.

Und sonst

Sind die Jahre, in denen wir beim Lesen noch Seiten aus Papier umblättern, allmählich gezählt? Japans Nobelpreisträger KenzaburO(Sonderzeichen) (O)e Sonderzeichen verabschiedet sich jedenfalls von den Werken, die ihn ein Leben lang begleiteten. „Sayonara, meine Bücher“ (S. Fischer) ist jedoch kein Abgesang auf das gedruckte Wort, sondern ein grandioses literarisches Vermächtnis – nicht nur für Bibliomane. Ob wohl auch irgendwann jemand den Titel „Tschüss, Kindle“ schreibt?

Helmut Kuhn

Top

Najim Wali, „Jussifs Gesichter – Roman aus der Mekka-Bar“ (Hanser): Ein Spiel mit Rollen, Masken, Namen und Identitäten im Irak während des Aufstandes gegen Saddam Hussein. Was, wenn man in die falsche Haut schlüpft? Zum Beispiel in die des Henkers …

Flop

Charlotte Roche, „Feuchtgebiete“ (Dumont): Ein gutes Beispiel dafür, wie man als Promi mit Sex, Chuzpe und einem Schuß Minderbemitteltheit wunderbar von der Dummheit von Millionen Lesern leben kann. Noch besser als Bohlen.

Und sonst
Die Ausweitung der unerträglichen Seichtigkeit der Comedy auf dem Buchmarkt.

Sassan Niasseri

Top

„John F. Kennedy war ein schöner Mann. Das ist es, was ihn umgebracht hat“. Der Präsident wurde ermordet, der Anfang allen Endes, das Ende des Idealismus der Nachrichtendienste sowie patriotischer Illusionen einfacher Soldaten. in Denis Johnsons Vietnam-Epos „Ein Gerader Rauch“ (Rowohlt) erfahren eine amerikanische Krankenschwester, GIs und vietnamesische Kollaborateure, was es heisst, Aufträge einer höheren Macht zu erledigen, deren Nutzen im Dunkeln bleibt. Johnsons Kriegsbeschreibungen sind ergreifend, die über sinnsuchende Menschen schlicht atemberaubend.

Flop

Klasse Hype um die Underground-Künstlerin Miranda July und ihrer „Zehn Wahrheiten“ (Diogenes). Stories von Hinterwäldlern, Ausreissern und Teenagerhuren, die die Gesellschaft in Bush Country doch erst so richtig lebendig machen. Das Feuilleton jauchzt über schonungslose-Blicke-hinter-die-Fassen-der-Gesellschaft, für mich sind das gepimpte Mädchenfantasien und Elendsvoyeurismus.

Und sonst

2008 hat das Sportbuch des Jahres nichts mit Fußball, sondern Tennis zu tun: Tim Adams‘ Essay „Being John McEnroe“ (Berlin Verlag) erklärt, wie ein amerikanischer Tennisspieler im Punkjahr 1977 das traditionsreiche Wimbledonturnier erschüttert und vor der Queen am liebsten nicht einknicken würde.

Frank Schäfer

Top

Joe Matt, „Peepshow“ (Edition 52). Inhaltlich wie stilistisch brillante Adaption von Robert Crumbs episodischer Comic-Autobiographie „Dirty Laundry“. Matts souverän gesetzter, etwas ältlicher Cartoon-Strich liefert das komfortable Fundament, auf dem unangestrengter narrativer Witz, Sarkasmus und ein gutes Pfund Selbstironie es sich bequem machen können.

Flop

Andreas Neumeister: „Könnte Köln sein“ (Suhrkamp). Ein ausgekippter Zettelkasten. Über die volle Distanz wirkt dieses betont unpreziöse Reisebuch seltsam preziös. Und anstrengend noch dazu, weil man die Hälfte der Anspielungen nicht versteht, und weil seine ruinöse Diktion, die vermutlich das sprachliche Äquivalent der besuchten Baustellen sein soll, nicht die nötigen Schauwerte besitzt, die einen für die Reiseanstrengungen belohnen.

Und sonst

Truman Capote „Die Hunde bellen“ (Kein & Aber). Reisebilder, Porträts und vor allem die „Konversationen“, dialogreiche Reportagen, in denen Capote sein Erzähltalent erst richtig ausspielen kann. Der vielbeschworene „New Journalism“, den Capote erfunden haben soll – hier stellt er ein weiteres Mal seine volle Leistungsfähigkeit unter Beweis.

Ulrich Zander

Top

Helga Schimmer liefert in „Mord ist ihr Alltag – Kriminalisten auf Spurensuche“ (Kremayr & Scheriau) gut gelaunt eine Zusammenfassung aller Aspekte moderner kriminalistischer Arbeit. Von Ermittlungen am Tatort über chemische und technische Untersuchungen, bis hin zu den ständig an Bedeutung gewinnenden biologischen Spuren. Schwerpunkt ist das kleine, aber mit einer Vielzahl von brutaler, grotesker oder auch ganz und gar unglaublicher Kriminalfälle „gesegneten“ Österreich.

Flop

Die meist von zeitgenössischen Autoren beschriebenen Fälle (von 1709 bis 1903) bedienen sich zum Teil einer – ihrer Natur gemäß – altert(h)ümlichen Schreibweise. Die Lektüre der „Preussische Kriminalchronik hingerichteter Verbrecher. Nach alten Kriminalakten und Selbstzeugnissen erzählt. Bibliothek des Grauens Band VII“ (Verlag Kirchschlager Arnstadt) von Michael Kirchschlager wird dadurch anstrengend und erscheint manchmal wirr. Die im sperrigen Titel angesprochenen „Verbrecher“ sind nicht immer solche – wie im Fall des Hans Herrmann von Katte, der sein Leben lassen musste, nur weil er seinem Freund, dem jungen Friedrich (später: der Große) bei einem Fluchtversuch vor seinem despotischen Vater half. Interessant: Viele alte Kupferstiche.

Und sonst

„True Crime – Die spektakulärsten Verbrechen der Geschichte“ (Parragon Books) von Nick Yapp ist eigentlich ein Bilderbuch: oft hervorragende Fotos, zum Teil aus alter Zeit, wie etwa dem Wilden Westen oder Süden (Billy the Kid, Pancho Villa) über die Chicago Boys, spektakuläre amerikanische und europäische Mordfälle, bis in unsere Zeit (11. September, Schulmassaker von Beslan). Der Text dient wohl der „Bebilderung“ der Fotos.

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