• Kultur
  • Bücher
  • Jakob Arjouni: Das Bio-Bürgertum ist einfach hinters Licht zu führen

Bücher

Jakob Arjouni: Das Bio-Bürgertum ist einfach hinters Licht zu führen

tip: Herr Arjouni, zusammen mit Ihrer Familie ziehen Sie jetzt von Paris wieder in Ihre alte Heimatstadt Berlin, wohin Sie erstmals als 13-Jähriger zogen, um dem Wehrdienst zu entgehen, und pendeln in Zukunft zwischen Berlin und Südfrankreich. Warum wieder Berlin?
Arjouni: Weil es sich aus vielen privaten Gründen so ergeben hat. Außerdem habe ich irgendwann eingesehen, daß Berlin, ob`s mir nun gefällt oder nicht, meine Stadt ist. Es gibt keine, die ich besser kenne. Zu meiner Überraschung habe ich in den letzten Jahren sogar Sehnsucht nach Berlin entwickelt. Ich denke aus dieser Sehnsucht heraus ist auch „Der heilige Eddy“ entstanden. Ich saß bei mir in Frankreich am Schreibtisch und bin mit Eddy durch Berlin spaziert und war dabei froh.


tip
: Uns interessiert Ihr Wohnort vor allem deshalb, weil Sie in Ihren Büchern, von „Magic Hoffmann“ (1996) bis zu Ihrem aktuellen Roman „Der heilige Eddy“, Berliner Kiezbewohner so kenntnisreich charakterisieren: vom alternativen Kreuzberger über so genannte „verklemmte Hinterhausexistenzen“ bis zum saturierten Linksliberalen, der in den Speckgürtel gezogen ist …
Arjouni: Naja, erstens kenne ich den Westteil der Stadt eben gut, weil ich in Schöneberg, Kreuzberg, Charlottenburg gelebt habe. Zweitens sind der alternative Kreuzberger oder saturierte Linksliberale nun auch keine exklusiven Berliner Erscheinungen. Die gibt`s ja überall. Nur der Hauptstädter denkt: das gibt`s nur bei uns. Weil der Hauptstädter das zu fast allem denkt.


tip:
Ihre Romanfigur jedenfalls, den Trickbetrüger Eddy Stein, beheimaten Sie in Kreuzberg 61, wo es heute eher gediegen zugeht: Man isst Bio-Karotten, trinkt selbstgepressten Apfelsaft und unterschreibt Tempo-30-Zonen-Anträge. Eddy wohnt in der Wartenburgstraße 16a. Was findet sich an dieser Adresse?
Arjouni: Nichts besonderes, außer daß ich dort, wenn ich in den letzten Jahren in Berlin war, bei Freunden ein Bett hatte. Dabei war ich überrascht, wie gut mir Kreuzberg 61 gefiel. Früher hat man als 36er, wo ich gewohnt habe, 61 ja nicht ernst genommen. Das war was für spießige Studenten und Westdeutsche. Kreuzberg 36 war natürlich auch für Westdeutsche – eigentlich war ganz Westberlin für Westdeutsche, außer Zehlendorf und irgendwelche Bezirke, wo man nie hinkam -, aber in 36 wohnten eben die Harten, und je härter du warst, desto mehr schwand der Makel, aus Hintertupfingen zu kommen. Hoffte man zumindest. Jedenfalls kommt mir 61 heute nicht viel anders vor als Schöneberg oder Charlottenburg. Das gleiche Biobürgertum, der gleiche Fahradfahrer-Dünkel. Für Eddy, der seine Wohnung und sein Viertel vor allem als Rückzugsgebiet braucht, passt das ausgezeichnet. Denn dieses Bürgertum ist natürlich einfach hinters Licht zu führen, weil es von sich und seiner Lebensweise so überzeugt ist.


tip
: Was zeichnet diese Lebensweise aus?
Arjouni
: Liberal, tolerant, interessiert, Wochenmarkt, Rohmilchkäse, und dabei auch noch genug Humor, um über sich selbst Späßchen machen zu können. Und da kommt Eddy und sagt: Mensch, seid ihr liberal, der Käse schmeckt klasse und ich find`s wirklich toll, wie gut du über dich selber lachen kannst. Klar gehört der bald dazu, und keiner wird auf die Idee kommen, daß er dieses Leben nur spielt, um ein ganz anderes Leben als Straßenmusiker und Trickbetrüger führen zu können. Unter reichen Grunewaldern oder Weddinger Arbeitern wäre es viel schwieriger, unterzutauchen. Denn die meisten Reichen ahnen ja irgendwo tief drinnen, daß Cabriolets und flambierte Shrimps nicht alles sind, und die Arbeiter wissen eh, daß es was besseres gibt, als den ganzen Tag zu schuften und abends ein paar Bier zu trinken. Sie zweifeln an ihrem Leben, also würden sie auch an Eddy zweifeln, wenn er ihr Leben teilen wollte. Für das Biobürgertum dagegen ist jeder, der sein erfülltes Leben – randvoll bester Absichten und Überzeugungen – nicht teilen will, ein Exot.


tip:
Das Überraschende an den von Ihnen beschriebenen Kreuzberg 61-Klischees ist, wie viele man selbst davon doch lebt.
Arjouni: Es ist ja kein unangenehmes Leben. Im Gegenteil. Und wenn man sich`s leisten kann. Ich finde sogar, daß von allen Städten, die ich kenne, Berlin das modernste Bürgertum hat. In Paris zum Beispiel träume ich doch von Fahrradverkehr, erschwinglichem Bio-Tee und irgendjemandem, der mal sagt, Hey, anstatt das tausendste Museum zu bauen, pflanzen wir doch lieber ein paar Bäume, damit wir besser atmen können. Das Problem auch mit den besten Lebensformen ist die Gewißheit, die sich irgendwann einstellt. Immer dann, wenn einer vorgibt, zu wissen wie der Hase läuft, wie das Leben anzupacken ist, worum es eigentlich geht, wird mir unwohl. Wenn sich nichts mehr bewegt. Wenn Zweifel kaum mehr erlaubt sind. Das hat natürlich auch mit dem Alter zu tun. Ab 30, 40, wenn es für viele finanziell erst möglich ist, sich dem Bürgertum anzuschließen, ist den meisten die Lust am Zweifeln ja schon lange vergangen. Da soll`s endlich gemütlich werden. Und darum funktionieren Beziehungen dann oft nach dem Motto: Fragst Du mich nicht Unangenehmes, frag ich Dich nichts Unangenehmes. Man spricht Themen, bei denen es kompliziert werden könnte, einfach nicht mehr an. Das ist ja das gefährliche am Bürgertum: Man lebt ganz angenehm, ist aber eigentlich schon tot.


tip:
Trotzdem, apropos Lebensqualität, warum kopieren uns die Pariser nicht ein bißchen? Leisten könnten sie sich das doch.
Arjouni: Paris kopiert nicht, Paris wird kopiert. Für mich ist Paris eine reiche, füllige, bezaubernde Madame, die sich ungern bewegt, auf einem Sofa mit dünnen Beinchen sitzt und Unmengen süßes Zeug ißt. Und fast die ganze Welt möchte mit ihr auf dem Sofa sitzen und eine Praline abhaben. Warum sollte die Madame was ändern? Warum die Fenster öffnen? Fast alle in Paris sind froh, dass es so ist, wie es immer war. Wahrscheinlich hat mich Paris auch deshalb lange so angezogen: weil es das Gegenteil von Berlin ist. In Berlin ist keiner froh, wenn irgendwas noch so ist wie gestern.


tip:
Haben Sie den „Eddy“ in Berlin geschrieben?
Arjouni: Nein. Und das ist meiner Erfahrung nach besser so. Beim Schreiben ist Abstand immer gut, gerade der räumliche. Es ist wie mit einem Gebirge, das sieht man auch am besten von außen. Außerdem wäre es mir egal, ob irgendwas, was ich beschreibe, im Detail nicht so genau stimmt. Romane – jedenfalls meine – sind keine Stadtführer. Und für solche Sachen wie die Brad-und-Angelina-Euphorie, die im „Eddy“ am Rande vorkommt, muss ich nicht vor Ort sein, da reicht es, wenn ich die Boulevardseiten vom „Spiegel“ und der „Süddeutschen“ lese. Wie die Stadt auf solchen Besuch reagiert, das weiß ich schon noch. Diese Mischung aus Sehnsucht nach `Metropole sein‘ und Schulterzucken. Wobei, das mit der Metropole, habe ich das Gefühl, klappt doch inzwischen einigermaßen. Jedenfalls im Vergleich zur Mauerzeit, als mir Westberlin immer wie mehrere Bielefelds nebeneinander vorkam.


tip:
Zu Beginn von „Hoffmann“ und „Eddy“ stellen Sie Berlin aus verschiedenen Perspektiven dar: Der Provinzler Hoffmann landet am Bahnhof Zoo und ist ganz begeistert vom Ku`Damm, hält das Leben dort Mitte der Neunziger noch für besonders großstädtisch. Der Trickbetrüger Eddy wiederum geht im neuen Berliner Hauptbahnhof auf Beutefang.
Arjouni: Die Orte stehen für verschiedene Epochen. Fred Hoffmann war der typische Kleinstädter, der nach West-Berlin fährt, und eine umwerfende Großstadt erwartet, und dann am Bahnhof Zoo mit seinen uringelben Kacheln und einer stinkenden Würstchenbude ankommt. Da fuhr die Kleinstadt in die Kleinstadt und tat dann großstädtisch, damit die Reise nicht umsonst war. Der neue Hauptbahnhof dagegen, ob man den nun mag oder nicht, ist ja schon eine moderne Wucht. Und für Eddy Stein ist es einfach ein idealer Ort, um reiche Touristen zwischen Austernbar und Starbucks auszunehmen.


tip:
Wenn Eddy sich an seine Opfer ranschmeisst, gibt er je nach Bedarf eine andere Identität an. Eine lustige nennt sich „Filmmusikberatung“. Das klingt zunächst recht prätentiös, doch für einen Berufstätigen in Berlin, wo man sich doch recht frei seine Jobs selbst zurechtdefinieren kann und damit halbwegs über die Runden kommt, ist das gar nicht so abwegig …
Arjouni: Eddy bemüht sich als Betrüger, der das Vertrauen der Leute gewinnen muß, für jeden was im Angebot zu haben. `Filmmusikberatung‘ zum Beispiel ist sowas zwischen künstlerischer Tätigkeit und Hartz 4, das dem Klischee, das viele von einer Berliner Existenz haben, denke ich, ziemlich gut entspricht. Und das ist Eddys wahre Kunst: Daß er die Erwartungen und Vorurteile der Leute schnell einschätzen kann, sie freundlichst bestätigt, um sie dann für seine Zwecke zu nutzen. Dabei funktionieren fast alle seiner Tricks ähnlich: Er nimmt die Leute aus und macht sie gleichzeitig froh – wenigstens für den Moment -, oder macht sie moralisch schuldig und gibt ihnen die Möglichkeit, sich bei ihm von der Schuld loszukaufen. Im Grunde hat Eddy die gleiche Masche wie die katholische Kirche.

Jakob Arjouni
tip:
Deshalb auch Eddys Maxime: „Stil ist die Fähigkeit, nirgendwo aufzufallen“?
Arjouni: Ja, `nicht auffallen‘ gehört natürlich dazu, wenn man die Leute in Sicherheit wiegen will. Man muß in dem Bild, das sie von der Welt haben, verschwinden.


tip:
Warum geben sich die Kreuzberger besonders lokalpatriotisch?
Arjouni: Weil es Eingewanderte sind. Schwaben, Niedersachsen, Hessen. Und die Einwanderer sind ja oft die nationalsten, strengsten. Weil sie noch beweisen müssen, daß sie dazugehören. Ich habe selten eine unangenehmere, intolerantere, uniformiertere Gruppe erlebt, als die Kreuzberger Hausbesetzer und Punks in den Achtzigern. Ein bißchen eine andere Meinung, oder manchmal auch nur andere Schuhe, schon schwebte man in Gefahr, eins “aufs Maul” zu bekommen. Und dann die ganzen Regeln und Gesetze im Viertel – im Grunde war es Rasen-betreten-verboten und Achtung-bissiger-Hund mit Sicherheitsnadeln im Gesicht. Westdeutsche Kleinstadt eben, da wo die meisten herkamen.


tip:
Gibt es ein Thema, das sich durch ihre Romane durchzieht?
Arjouni: Ich denke, jeder Schriftsteller hat ein, zwei große Themen, die er im Laufe seines Lebens variiert und versucht, zu verfeinern. Und diese Themen entstehen ziemlich früh, in der Jugend zwischen vierzehn und achtzehn. Nichtschriftsteller haben die sicher auch, die schreiben nur nicht drüber. Bei mir hat es, denke ich, mit Schein und Sein und Erwartungen zu tun. Insofern ist der Eddy ein ziemlich typisches Arjouni-Produkt. Aber schon mein erstes Buch “Happy Birthday, Türke!” spielt ja vor allem mit den Erwartungen, die bei guten Deutschen bei einem Frankfurter mit dem türkischen Namen Kemal Kayankaya entstehen. Aber ich bin kein guter Theoretiker, ich denke in Geschichten. Ich kann Ihnen eine erzählen, die mich seit langem begleitet und vielleicht ganz gut beschreibt, was mich rührt.


tip
: Sehr gerne!
Arjouni: Ich habe mit 15, 16 oft im Frankfurter Bahnhofsviertel Billard gespielt. Es gab da einen schönen Salon im ersten Stock, durchs Fenster sah man das Rotlichtviertel: Nutten, Puffs, Dealer, abgerissene Typen. Irgendwann ertönten mal wieder Sirenen, und wir gingen zum Fenster und sahen vor einer Bar eine Menschenmenge, Krankenwagen, Blaulicht. Aus den Fenstern drumherum schauten Huren und Freier, es war wie in einer Szene aus „Irma la Douce“. Zwei Sanitäter stützten einen ärmlich gekleideten Mann, der aus der Bar wankte. Er hatte ein Messer im Bauch, der Knauf guckte raus, irgendwie unwirklich, wie in einem Tom-und-Jerry-Film. Und das Blut tropfte. Als der aus der Tür trat, dachte man: Der ist gleich tot. Doch dann sah er das Publikum auf der Straße und richtete sich auf und fing an zu erzählen. Dabei wurde er immer lebhafter und gestenreicher: “Dann kam ich und zack!, und dann er und Peng!”, und so weiter. Die Sanitäter haben ihn kaum auf die Bahre bekommen. Dabei immer der Knauf aus dem Bauch. Und noch auf der Bahre unterhielt er die Leute lauthals, stolz, aufgeregt. Er stand im absoluten Mittelpunkt, und wahrscheinlich kam das bei ihm nicht oft vor. Also: eben noch ein ganz schlechter Moment im Leben des Mannes, und nur einen Augenblick später einer seiner besten. Am Ende, als er schließlich im Krankenwagen verschwand, sah er richtig zufrieden aus. Wie ein siegreicher, erschöpfter Kämpfer. Jedenfalls erfüllte die Szene bestimmt nicht die Erwartungen, und machte aus einem vermeintlich sicheren Verlierer einen Helden.


tip:
Haben Sie Gemeinsamkeiten mit der Figur des Eddy?
Arjouni: Bestimmt, sonst wäre er mir nicht eingefallen. Wahrscheinlich am meisten das Verspielte. Vorzugeben, ein bestimmter Typ zu sein, und zu gucken, was passiert. Erwartungen bewußt nicht zu erfüllen, oder ganz besonders zu erfüllen, je nach dem was lustiger ist. Und gerne mache ich den Trottel – für arrogante Trottel, die mich dann für einen Trottel halten. Das macht mir Spaß, ich weiß auch nicht warum. Wie Eddy gebe ich mir jedenfalls Mühe, eher unter- als überschätzt zu werden.

Interview: Sassan Niasseri

Foto: Jens Berger


Info:
Mit 22 Jahren veröffentlichte Jakob Arjouni 1987 seinen Debütroman „Happy Birthday, Türke!“. Die Kriminalgeschichte um den Frankfurter Detektiv Kemal Kayankaya, später verfilmt von Dorris Dörrie, machte ihn schlagartig berühmt. In weiteren Keyankaya-Romanen verfeinerte Arjouni seinen sarkastischen Stil; andere Werke, wie „Chez Max“ (2006), parodieren Terrorangst und Paranoia, in „Hausaufgaben“ (2004) stellt er einen scheinbar linksliberalen Lehrer als Familiendiktator bloß. Sein neuer, temporeicher und extrem lustiger Roman „Der heilige Eddy“ (Diogenes) erzählt vom Trickbetrüger Eddy, der aus seinem Leben zwischen Beutefang und Kreuzberg 61-Scheinexistenz gerissen wird, als er mit einem Heuschrecken-Millionär zusammenprallt (und dann dessen Leiche entsorgen muss) – und sich in dessen Tochter verliebt.

WEITERE BERLIN-BUCHER

 

Mehr über Cookies erfahren