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James Frey

Der amerikanische Krawall-Schriftsteller James Frey hat eine Fortsetzung der Bibel geschrieben. Im neuesten Testament lebt der Messias zwischen Spielkonsole und leeren Pizzakartons in einem verwahrlosten Apartment in der Bronx, bis er auf wundersame Weise einen verheerenden Unfall überlebt und fortan von ekstatischen Anfällen heimgesucht wird, die es ihm irgendwie ermöglichen, den Menschen in die Seele zu blicken und sie von ihren Qualen zu befreien. Die frohe Botschaft des Erlösers ist simpel: Das Ende ist nah, die Religion ist die älteste Lüge in der Geschichte der Menschheit, und alles, was wir wirklich brauchen, ist Liebe, wobei er die körperliche Liebe ausdrücklich und ausführlich einschließt.

In einem erzreligiösen Land wie den Vereinigten Staaten, wo noch die verrücktesten Splittergruppen die einzige und alleinige Wahrheit für sich beanspruchen, mag James Freys Roman eine blasphemische Sprengkraft besitzen. Für einen säkularen Mitteleuropäer zeitigt er immerhin eine unterhaltsame Lektüre, da Frey seine Christus-Kolportage mit demselben Gespür für Tempo und Rhythmus vorantreibt, durch das sich schon sein schillerndes L.A.-Panorama „Strahlend schöner Morgen“ von der Langatmigkeit des herkömmlichen US-amerikanischen Großromans abhob. Er erzählt die Geschichte des Erlösers aus der Perspektive von 13 Figuren, die dem Heiland auf seinem Leidensweg begegnen, darunter eine Crackhure, eine Unfallchirurgin, ein Rabbi und ein FBI-Agent.

Um jeder dieser Figuren einen eigenen Sound zu gegen, hat der deutsche Verlag 13 prominente Übersetzer beauftragt, sich jeweils einer davon anzunehmen, darunter Alexa Hennig von Lange, Clemens J. Setz und Harry Rowohlt. Dabei handelt es sich zwar eher um einen Marketing-Gag als um ein literarisch ergiebiges Verfahren: Man würde es wohl kaum bemerken, wenn man nicht schon davon wüsste. Es hat dem Buch allerdings auch nicht geschadet.    

Text: Heiko Zwirner
Foto: M.E./Pixelio


James Frey: „Das letzte Testament der Heiligen Schrift“
Haffmans & Tolkemitt, 448 Seiten, 19,95?Ђ

Buchpremiere mit Harry Rowohlt, Tina Uebel, Alexa Hennig von Lange und James Frey
Babylon Mitte, Mo 19.3., 20 Uhr

 

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