Bücher

James Salters neuer Roman „Alles, was ist“

james_salterAls wir vor 15 Jahren mit dem Eheroman „Lichtjahre“ eine erste Kostprobe von James Salter zu lesen bekamen, hatte der von seinen US-Kollegen bewunderte Autor mit dem Schreiben mehr oder weniger schon wieder aufgehört. Dabei hatte der heute 88-Jährige seine Berufung erst spät entdeckt: 1957 lagen schon zwölf Jahre als Kampfpilot der Air Force hinter ihm. Zur Vermeidung von Ärger mit den Militärbehörden wählte der als James Horowitz geborene Sohn jüdisch-polnischer Einwanderer für sein Debüt „The Hunters“ das Pseudonym Salter.

Von der langjährigen kreativen Pause bis zum Erscheinen von „All That Is“ in diesem Frühjahr war hierzulande glücklicherweise wenig zu merken, weil der Gründer des Berlin Verlags, Arnulf Conradi, beschlossen hatte, uns eine Werkausgabe des in den USA längst als Klassiker angesehen Autors zu schenken. Und so erschien im deutschsprachigen Raum ein Salter nach dem anderen – darunter die Autobiografie „Verbrannte Tage“ sowie die Erzählbände „Dämmerung“ und „Letzte Nacht“. „Alles, was ist“ macht uns nun mit Philip Bowman bekannt, einem jungen Mann, der den Krieg gesehen hat, und – aus dem Pazifik zurück im Zivilleben in New York – die Welt der Bücher entdeckt. Und zaghaft auch das andere Geschlecht. Als Lektor von Braden und Baum kommt er automatisch mit zahlreichen Geistesgrößen zusammen. Seine spätere Frau Vivien Amussen trifft er eher zufällig in einer Bar. Bowmans Glück ist fast perfekt, doch Affären und Betrug und ein unstillbarer Hunger auf Sex lassen seine Ehe bald scheitern.

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Salter ist weder Moralist noch Zyniker, vielmehr ist er ein glänzender Beobachter und außerordentlicher Stilist, dem es dank seiner knappen, mit kräftigen Bildern angereicherten Sprache gelingt, den an allem nagenden Zahn der Zeit sichtbar zu machen. Auch diese Geschichte zwischen Literatur und Liebe besticht durch Salters klaren Stil. „Ich mag es nicht, wenn Schriftsteller zu viel über die Gedanken und Gefühle ihrer Charaktere schreiben“, sagt Bowmans Kollege im Roman. „Ich sehe ihnen lieber zu, höre, was sie sagen, und mach mir dann selbst ein Bild. Ich mag Dialoge, und man versteht alles.“ So ist es auch bei Salter. Und das ist gut so.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Herausragend

James Salter: Alles, was ist“ aus dem Englischen von Beatrice Howeg, Berlin Verlag, 384 Seiten, 22,99 Ђ

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