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Jan Brandt: „Gegen die Welt“

ufo_wolken„Alle waren da, das ganze Dorf …“ Jetzt könnte der Satz enden. Nichts würde fehlen. Alles wäre klar. Außer bei Jan Brandt. Es soll Leute geben, die Kraftwerks „Autobahn“, 22:43 Minuten, für rund 20 Minuten zu lang halten. Mit Jan Brandts Debütroman „Gegen die Welt“ ist es ähnlich. Langer Atem kann heißen: viel Luft. Aber auch: viel Sauerstoff. Viel Leben. Ganz viel Leben.

Deshalb folgt bei Brandt nach diesem Satz ein einziger, zwei Seiten überspannender Absatz mit genau 93 Namen von noch mehr Leuten – einige stehen für eine ganze Familie –, die an diesem Tag der Bewerbungsrede des Bürgermeisterkandidaten Rosing lauschen. Denn der Wahlberliner Brandt, 37, ist ein multigebildeter Vollständigkeitsfanatiker. Jede Straße wird kartografiert, jedes Haus vermessen, jeder Lebensweg dekonstruiert, von den 70ern bis in die Gegenwart. Hinterher hat man das Gefühl, man hätte in Jericho, diesem fiktiven ostfriesischen Kaff, das an Leer, Brandts Geburtsort, modelliert ist, den Jahresurlaub verbracht. Oder im Irrenhaus.

Da ist der Hauptprotagonist Daniel Kuper, Drogeristensohn und Perry-Rhodan-Fan, der relativ am Anfang zerschunden aus einem Kornkreis in einem Maisfeld flieht, wo ein Ufo gelandet sein soll, aber nur vielleicht. Oder die Mitschüler. Metal-Fanatiker, die sich mit Suff und Drogen die Birne zuknallen und Außenseiter kleinmachen, bis einer davon auf die Gleise geht. Wie die Lebenserwartung in Jericho ohnehin oft durch – teils bizarre – Todesarten eingedampft wird.

Man kann den Mut des Verlags bewundern, einem Debütanten, der bislang nur ein paar Prosageschichten vorzuweisen hat, einen fast tausendseitigen Erstling durchgehen zu lassen. Aber so brillant Brandt auch schreiben kann – die Nominierung für den Deutschen Buchpreis ist verdient –, bleibt doch das Gefühl, einem literarischen Lattenmessen beizuwohnen. Seht her, das kann ich, das auch und das sowieso. Auch das: allerlei typografische Wichtigtuerei. Wie ein 155 Seiten teilender Doppelstrich, wo oben die Handlung weiterläuft und unten ein Lokführer separat von Selbstmördern erzählt.
Wer es lustig findet, ständig hin- und herzublättern: prima. Aber ehrlich: Das nervt dann doch. Schade eigentlich.

Text: Erik Heier

Foto: hirni/pixelio.de

tip-Bewertung: Lesenswert

Jan Brandt: „Gegen die Welt“ DuMont, 928 Seiten, 22,99?Ђ

Buchpremiere: Roter Salon, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Do 20.10., 20 Uhr

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