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Jeffrey Eugenides: „Die Liebeshandlung“

die_liebeshandlungDer deutsche Titel des heiß ersehnten dritten Romans von Jeffrey Eugenides, der 2002 mit dem Zwitterwesen Calliope Helen Stephanides aus „Middlesex“ Leser auf der ganzen Welt beglückte, ist leider verschenkt: „Die Liebeshandlung“ ignoriert die Doppeldeutigkeit des Originaltitels „The Marriage Plot“ und klingt recht gestelzt. Wie schon im verfilmten Debüt „Die Selbstmord-Schwestern“ (1993) hebt der US-Autor das weibliche Geschlecht in den Mittelpunkt: Zarte 22 Jahre ist Hauptfigur Madeleine Hanna, die 1982 an der Brown University in Providence, Rhode Island, ihre Abschlussarbeit über die Schwierigkeiten bei der Heirat im viktorianischen Roman geschrieben hat. Mutig wäre es gewesen, wenn der Pulitzer-Preisträger von ihrer Literaturbegeisterung und ihren Liebesnöten aus der Ich-Perspektive erzählt hätte. Zumindest aber hätte der 51-Jährige, der fünf Jahre lang in Schöneberg lebte und heute in Princeton Schreib-Workshops leitet, die Ich-Form für einen der beiden Mitstudenten wählen können, mit denen die Lesesüchtige innige Verhältnisse eingeht. Denn den schüchternen Theologen Mitchell Grammaticus hat Eugenides reichlich mit autobiografischen Bezügen ausgestattet – von den griechischen Wurzeln bis zum Freiwilligendienst bei Mutter Teresa in Kalkutta.

Mitchells Gegenspieler im Ringen um die Gunst der Kommilitonin ist der geniale, seelisch arg leidende Biologiestudent Leonard Bankhead („Es ist mein Lebensziel, zu einem Adjektiv zu werden – bankheadisch“), den das betuchte Mädchen heiraten wird. Dass Leonard ein Abbild von David Foster Wallace („Unendlicher Spaß“) wäre, wie viele Kritiker schrieben, bestreitet der Autor; er habe beim Schreiben eher an Guns-N’-Roses-Frontmann Axl Rose gedacht. Ob nun Schlüsselroman oder Autobiografie – das Schöne an dem mit Theorie überfrachteten Roman ist, dass ihn jeder auf seine Weise deuten kann: Romantiker genießen eine verwickelte Dreiecks-Liebesgeschichte, Studierte erkennen das Leben auf dem Campus wieder, Belesene freuen sich über ein anspielungsreiches Buch über das Entstehen von Büchern, und Semiotik-Fans kommen dank der Zitate von Roland Barthes („Fragmente einer Sprache der Liebe“) auch auf ihre Kosten.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Lesenswert

Jeffrey Eugenides: „Die Liebeshandlung“ Aus dem Amerikanischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald, Rowohlt, 624 Seiten, 24,95 Ђ

Lesung von Eugenides mit Ulrich Mathes Berliner Verlag, Karl-Liebknecht-Straße 29, Mitte, Fr 11.11., 20 Uhr

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