Bücher

?“Jetzt sind wir jung“ von Julian Mars

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Sie wissen nicht, was er letzten Sommer getan hat. Seine Eltern haben das Buch nicht gelesen. Sie wissen nicht, dass ihr Sohn Julian Mars ist. Auch viele im Freundeskreis nicht. Eigentlich heißt er Benjamin. „Vielleicht wären sie über einige Szenen im Buch irritiert. „Aber meine Mutter wäre auch irritiert von ,Fifty Shades of Grey’„, sagt Benjamin und lacht.
„Jetzt sind wir jung“ heißt sein Roman, eine tragikomische Coming-of-Age-Story mit sehr explizitem schwulen Sex. Dass er das Ding nur unter Pseudonym schreibt, war eigentlich „nur so halb ernst gemeint“, sagt er, 29, heute. Der Verlag nahm es aber für bare Münze. Auf dem Buchrücken sind weder ein Foto noch seriöse Auskünfte zur Vita des Schriftstellers zu finden.
Juli 2015, dicht am Kleistpark: Morgens um 6.50 Uhr dimmt der Lichtwecker auf. Benjamin hat dem Verlag Probekapitel geschickt und so getan, als sei das Buch quasi schon fertig. „Am Anfang dachte ich öfter, heute fühle ich mich nicht so künstlerisch“, gibt er zu. Jetzt bleiben ihm noch sechs Wochen.  Also Disziplin.
Um sieben geht Benjamins Freund aus dem Haus. Der Trick: eine Stunde lang Internet und Handy ausschalten. Nicht mal Kaffeekochen. Auf der Playlist steht „Bittersweet Symphony“ von The Verve. Der traurigste Sommerhit aller Zeiten. Für seine Figuren sucht er sich Bilder im Internet. Manche druckt er aus, heftet sie an die Wand. Einmal im Cafй hat er ein fremdes Mädchen fotografiert: Emilie, die beste Freundin seiner Hauptfigur Felix.
Im Sommer 2014, nach dem Studium (Englisch, Politik, Theater, Film und Fernsehen), kam Benjamin von Köln nach Berlin. Großgeworden war er in einem 300-Seelen-Dorf. Wenn Leute fragen, was er in Berlin so treibe, sagte er „übersetzen“, was ja auch stimmt. Für den Bruno Gmünder Verlag. Aber er hat es nicht an die große Glocke gehängt: dass er sich keinen „richtigen“ Job in Berlin gesucht hat. Dass er die Zeit nahm, dieses Buch zu schreiben.
Möglichkeiten. Wie sie sich ergeben und auch wieder verschwinden, wenn man erwachsen wird. Darum geht es auch im Buch: Felix, 24, erfährt, dass sein Ex, dem er das Herz gebrochen hat, auch auf die Party der Drag Queen Tamara kommen wird. Alles spitzt sich auf diese Party zu.
Felix erzählt seine Geschichte, begonnen in der Zeit, als er 16 ist und ersten schwulen Sex im Darkroom-Labyrinth hat. Der Vater von Felix tingelt später durch Talkshows, um die Homo-Ehe zu propagieren. Die russische Mutter fühlt sich ungeliebt wie Anna Karenina. Julian Mars überzeichnet seine Figuren (was viel Spaß bringt), aber er lässt sie nie, niemals, zu Karikaturen werden.
Er habe schon darüber nachgedacht, sagt Mars, den Sex im Buch etwas zu glätten, um das Buch mainstreamiger zu machen. „Man braucht das aber, um Felix’ Entwicklung zu verstehen.“  Das Buch sollte aber nicht „wie eine Wichsgeschichte“ klingen.
Das würde auch nicht zum 2015 wiederbelebten Albino Verlag passen, der schon in den 1980ern Bücher von schwulen Weltklasse-Autoren verlegte: Christopher Isherwood und Edmund White. Beim Mars-Roman kann man aber – ein wenig wie bei Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ – ob all des Expliziten allzu leicht überlesen, dass es hinter der Sex-Fassade eigentlich drum geht, auf sich selbst klarzukommen.
„Julian Mars ist mein Pseudonym, aber ich bastele mir keine komplette Fake-Identität zusammen“, sagt Benjamin. Die beiden Theaterstücke, die er schrieb (ein politisches und ein Familiendrama) will er vielleicht aber auch unter diesem Namen rausbringen.
Anders als Felix ist Benjamin nicht blond. Er hat auch keine reichen Eltern mit Konten in Sankt Petersburg. Er wird weiter schreiben und in ein paar Jahren sehen müssen, ob das alles nur ein Abenteuer war, sagt er. Dass er schwul ist, weiß man in seinem Dorf. Ein Outing steht aber noch bevor: „Mama, Papa – ich bin Autor.“ Denn das ist man doch, wenn man sich den Lichtwecker auf 6.50 Uhr stellt, um innerhalb von zehn Minuten Julian Mars zu werden und um 7 Uhr zu schreiben. Marsaufgang.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: David von Becker

Jetzt sind wir jung von Julian Mars, 256 S., ?Albino Verlag, 14,99 Euro

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