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Jetzt turnen wir das Universum an – Miranda Julys Kurzgeschichtensammlung „Zehn Wahrheiten“

 

Die Performerin, Internetaktionistin und Filmregisseurin („Me and You and Everyone we know“) Miranda July gilt in ihrer Heimat Amerika als Beobachterin von allerlei neurotisch grundierter Liebesbeziehungen, in denen wohl auch Autobiographisches (Fantasiefreunde, Selbstekel, Opferrollen) mit einfließt. „Break on through to the other side“ den Schritt über die Wahrnehmungsgrenzen hinaus, wie in dem gleichnamigen Doors-Song, beschließt die Hauptfigur ihrer Kurzgeschihcte „Making Love in 2003″, eine liebestolle Lehrerein, und ihr Motto ist auch das der 34-jährigen Autorin: „Nach meinem Empfinden war das Universum porös und radikal, man konnte es anmachen, sogra rumficken konnte man mit dem Universum“. Die Weltordnung aufheben.

In Julys meist in abseitigen Kleinstädten angesiedelten Erzählungen wimmelt es von Ausreissern, lesbischen Teenagerhuren und Rentern, die etwa Schwimmübungen auf trockenen Kachelfußböden absolvieren. Ein schattenhaft-schwarzes Sexmosnter, das im Schlaf kommt, ist auch dabei. Gedankensprünge und eine Fixiertheit auf Körpervorgänge („Ich analysierte meine Position in der Badewanne. Der Fuß im Wasser war bereits schrumpelig. Wie würde ich mich bei Einbruch der Dunkelheit fühlen?“) nehmen mit fortschreitender Erzählung mehr und mehr Raum ein.

Bisweilen ist das arg enervierend, und Julys Zipperlein versteht wohl am besten, wer Hypochonder ist.

Aber es gibt auch einige wenige, gelungene Momente. Wie schön die Illusion sein kann, und wie viel schöner als das echte Leben, schildert July in „Mon Plaisir“: Zwei sich fremd gewordene Eheleute werden bei einer Filmproduktion gebucht, das bei einer Restaurantszene lautlos neben den Hauptdarstellern lachen, anstoßen, flirten soll. Als Akteure dieses Spiels verlieben sie sich neu. Bis zum Drehschluss. Dann zeiht er bei ihr aus, sie helfen sich gegenseitig beim Umzug. Am Ende bleibt jeder für sich allein.

Miranda July, „Zehn Wahrheiten“, Diogenes, 272 Seiten, 18,90 Euro. 

 

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