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Jochen Distelmeyer: „Otis“

Jochen Distelmeyer:

Stadt der Lotophagen. Das ist doch mal ein tolles Bild für Berlin! Vor allem eines, das den Bildungsbürger vom Allerweltsdödel scheidet. Nie Griechisch in der Schule gehabt? Bei Homer immer nur an die ­“Simpsons“ gedacht?
„Die Lotophagen leben ja auf einer Insel, wo die ökonomischen Verhältnisse zu wünschen übrig lassen“, erklärt Jochen Distelmeyer geduldig und in sanftem Ton. „Aber da sie eben Lotus essen und darüber rauschhaft vergessen, nehmen sie ihre Umgebung viel schillernder und schöner wahr, als sie eigentlich ist.“ Okay, das trifft sicher auf einen Großteil der hiesigen Einwohnerschaft zu. Was Distelmeyer noch wichtig ist zu betonen: „Berlin darauf zu reduzieren, würde der Großartigkeit der Stadt allerdings auch nicht gerecht.“ Wohl wahr.
Distelmeyer, vormals Frontmann der Hamburger-Schule-Poeten Blumfeld („L’Etat Et Moi“, „Testament der Angst“) und seit deren Auflösung bis auf ein Reunion-Intermezzo solo unterwegs, hat ein Buch geschrieben. Jetzt sitzt er im Neuköllner Cafй Rix, neben ihm sein Manager. Sein Roman heißt „Otis“ und verfolgt die verschlungenen Pfade des jungen Helden Tristan Funke. „Nicht der Hellste, sondern eben nur ein Funke“, sagt der Autor. Sein Protagonist ist wegen Liebeskummers an die Spree geschwemmt worden, hat seinen festen Job gekündigt. Und versucht, „die ‚Odyssee‘ von Homer mit der Geschichte eines flüchtigen Filesharing-Programmierers kurzzuschließen“.
Womit Tristan Funke – in einer schönen Passage des Buchs – bei einem burschikosen Verleger auf Granit beißt: „Wenn, dann doch so: Skylla und Charybdis! Ein Liebhaber. Zwei Frauen. Vis-а-vis in derselben Straße. Peinliche SMS-Verwechslungen und Begegnungen am Morgen danach. Athene! Eine wohlmeinende Stalkerin. Hermes als schwuler Theaterregisseur. Theiresias? Natürlich ein transsexueller Taxifahrer. Analsex! So was wollen die Leute lesen.“ Es ist ja nicht so, dass begabte Songwriter auch automatisch begnadete Schriftsteller wären. Klar, die Bücher von Sven Regener sind lustig und verkaufen sich in John-Grisham-Auflagen. Aber als beispielsweise im vergangenen Jahr Die-Sterne-Kopf Frank Spilker das wirre Traktat „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ auf den Markt warf, war Schamstufe Rot angesagt. Si tacuisses.
Jochen Distelmeyer, in Bielefeld gebürtig und Schöpfer von Stapeln pop­philosophisch kanonisierter Songlyrik, wollte ursprünglich gar kein Buch schreiben. Sondern bloß seine tiefe Beschäftigung mit der „Odyssee“ ins nächste Soloalbum nach „Heavy“ überführen. Bei einem Spaziergang dann „flogen mir die ersten Seiten zu, die ich wie einen Spoken-Word-Text im Kopf verfasst habe“, so Distelmeyer. „Lange konnte ich die ersten 100, 120 Seiten auswendig vortragen“, strahlt er. „Weil ich diese sängerische Erfahrung der Beziehung zwischen dem Klang der Worte und der eigenen Physis habe.“
Vor ein paar Jahren ist er aus Hamburg weggezogen („Die Stadt war für mich leer geschrieben, ich konnte mich in ihr nicht mehr verirren.“). Jetzt blickt er durch die Brille von Tristan Funke, der ein Schwärmer, Klugscheißer, Vielfach-Liebhaber und Dauerreflektierer ist, auf Berlin. Mixt Kulturblasensatire mit Banalitäten, Theaterstücke über Löcher in der Wand mit pointierten Gedanken. Ach, herrliche Stadt der Widersprüche. Jochen ­Distelmeyer malt jetzt Wellen in die Luft: „Der Flughafen ist immer noch nicht fertig, aber ich beschreibe eine Welt in der Schwebe.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Frank Zauritz; Rowohlt Verlag GmbH

Otis: von ?Jochen Distelmeyer, 288 S., Rowohlt, 19,95 Euro

Lesung:
Kesselhaus, Mi 18.3., 20.00

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