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John Burnsides: „Glister“ Roman

Die Fabrik verpestet jedes Leben in der kleinen Stadt: „Gift fließt in den Adern dieses Waldes, im Saft der Bäume, in jeder Krume des Lehmbodens.“ Und es vernichtet Leben. Jungen verschwinden spurlos. Einer nach dem anderen geht im Wald verloren, doch die abgestumpfte Bevölkerung geht der Sache nicht nach. Dabei muss man nicht erst in den Wald marschieren, um den Teufel zu suchen – er findet einen auch so. Das zumindest glaubt der Polizist Morrison, der sich vom Leibhaftigen bestraft fühlt. Er hat als Einziger eine der Kinderleichen gesehen, erhängt, wie eine Weihnachtskugel am Baum. Weil er vom Fabrikbesitzer für sein Schweigen bezahlt wird, versinkt er in Depressionen. Der 15-jährige Leo­nard, ein Streuner, wiederum gibt die Suche nach seinem verschwundenen Kumpel nicht auf; doch Leonards älterer Freund, der „Mottenmann“ genannte Bibliothekar John, der einzige Feingeist im Kaff, weiß mehr, als er zugeben will.

Der Wald ist wie ein dunkler Märchenwald, und die Stadt ist eine Stadt der Sünde und Unterlassung, mit Menschen ohne Moral und Verantwortungsbewusstsein. Wer sich dann doch erhebt und auf der Suche nach dem Täter Rache übt für die Kindermorde (oder das Schweigen über die Morde), macht das nach pseudoreligiösen Vorstellungen von Sühne und Vergeltung. Die ergeben aber manchmal durchaus Sinn. Nicht umsonst, schlussfolgert eine der Figuren, landen nicht die Schuldigen, sondern die Unschuldigen in der Hölle – sonst wäre es ja keine Hölle. Aber wer will schon deshalb lieber zu den Schuldigen gehören?

John Burnside findet dafür eine brillante, poetische Sprache, die verstört, weil sie so mitfühlend ist und aus der gestörten Wahrnehmung der Protagonisten erzählt, die stets glauben, ehrbar zu handeln. Daraus wird auch deutlich, wie sehr der Autor selbst an das Gute im Menschen glaubt. Aus jeder Zeile wird klar, wie sehr Burnside seine verkommenen Figuren liebt: Den sadistischen Anführer der jugendlichen Gang, Morrisons geisteskranke Frau Alice oder den rebellischen Leonard, der aus Verzweiflung über sein von Anfang an chancenloses Dasein selbst eine mörderische Tat begehen wird. Das Leben ist für ihn gelaufen: „Mehr als fünftausend Tage habe ich diese Luft geatmet, mehr als sieben Millionen  Minuten lang die Rußflocken. Man sagt, die Zukunft sei uns ins Blut geschrieben – und man muss zugeben, vor der Chemie gibt es kein Entrinnen.“ Dass er sich dennoch über sein Leben erheben wird, ist der Hoffnungsschimmer in diesem leidenschaftlich erzählten Roman.
    
Text: Sassan Niasseri
Foto: www.flickr.com/photos_Billy/Wilson_Photography
 
(tip-Bewertung: Herausragend)

John Burnside „Glister“,
aus dem Englischen von Bernhard Robben, Knaus, 288 Seiten, 19,95 Ђ

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