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Jonas Winners „Berlin Gothic“ jetzt auch als Print-Version

JonasWinner„London mag die Stadt des Geldes sein, Paris die Stadt der Liebe, Rom die Stadt der Ruinen und Moskau die Stadt des Schnees. Berlin aber ist die STADT DER ANGST.“
Diese merkwürdige Pointe in einer ansonsten nicht ungewöhnlichen Stereotypisierung europäischer Kapitalen eröffnet den Fortsetzungsroman „Berlin Gothic“: ein ursprünglich ausschließlich als E-Book erhältliches Thriller-Epos, mit dem der Berliner Autor Jonas Winner im Netz einen unvorhersehbaren Hype heraufbeschwor und das der Knaur-Verlag nun in einer alle sieben Bände umfassenden Print-Version auch auf den analogen Markt bringt. Worin aber liegt diese Angst begründet, die – wie es im Buch heißt – „keinen Gegenstand hat“ und die „die Menschen befällt wie eine Krankheit“?
Berlin, meint Jonas Winner, sei die Stadt der Extreme; die einzigartige, auch grausame Geschichte des Ortes sei in den Boden eingesickert. „Man spürt das noch im Hinterkopf“, sagt der promovierte Philosoph an einem herrlichen Frühlingstag im Literaturcafй der Autorenbuchhandlung am Savignyplatz, „auch wenn das von der Oberfläche verschwunden ist. Berlin hat nie aufgehört, unheimlich zu sein.“

Ob da was dran ist oder ob hier bloß aus Suspense-Kalkülen mit dem Abgrund kokettiert wird, spielt eigentlich keine Rolle. Denn es geht ja um Literatur. Und in Winners Roman ist Berlin eine Stadt, in deren Eingeweiden das Unheimliche rumort. Auf wechselnden Zeitebenen und über mehrere verzahnte Handlungsstränge zeichnet der Autor ein düsteres Bild dessen, was man an der Oberfläche, an herrlichen Frühlingstagen, nicht zu sehen bekommt. Die Story des Romans sei extrem eigenwillig, so etwas habe es vorher nicht gegeben. Und für die „Strangeness“ habe er auch viel „Prügel bezogen“. Trotzdem sei ihm klar gewesen: „Das ist ein Text, der knallt.“ Der Schneeball-Effekt, der ein Buch in Amazons E-Book-Rankings nach oben befördere, könne sich auch nur dann einstellen, wenn etwas wirklich gut sei. Durch dramaturgisch klug eingebaute Cliffhanger und den (bei Kindle Direct Publishing von ihm gewählten) Preis von lächerlichen 99 Cent pro Folge werde der Leser wie von selbst zum Weiterlesen – respektive zum nächsten Download – animiert.

Aber wie kommt jemand, der bereits gute Erfahrungen mit der traditionellen Verlagsstruktur gemacht hat – 2011 erschien Winners Debüt „Davids letzter Film“ bei dtv – auf die Idee, sein Manuskript im Alleingang zu publizieren? „Schnelligkeit“, sagt Winner. Der Verlag wollte „Berlin Gothic“ als Trilogie rausbringen. Jedes Jahr ein Buch. Das hätte bedeutet, dass der letzte Band erst 2015 erschienen wäre. „Beim Self-Publishing ist dein Manuskript noch heiß, da kommt eine ganz andere Aufregung zustande.“ Die Aufregung war da und hat letztlich dazu geführt, dass „Berlin Gothic“ nun doch in papierner Form erschienen ist.

Winner_-berlin-GothicNatürlich weiß der Fernsehjournalist und Drehbuchautor, dass sein E-Book-Durchbruch in Deutschland eine relativ solitäre Erscheinung darstellt. Und auch wenn sich der Erfolg bei ihm nicht nur auf eine gute Bewerbung über diverse Social-Media-Kanäle, sondern vornehmlich auf den Text als solchen zurückführen lässt, ist Qualität sicher kein Garant fürs glückliche E-Book-Märchen. Im Gegenteil: Wenn jeder hochlädt, was er will, besteht die Gefahr, dass wirklich guter Stoff in der Masse durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Materials gar nicht erst wahrgenommen wird.
Auch Jonas Winner ist froh, dass er „Berlin Gothic“ inzwischen in den Händen halten kann. Sein nächster Roman erscheint denn auch – ganz traditionell – bei einem „ordentlichen“ Verlag.    

Tect: Christoph David Piorkowski
Foto: Martin Mai

 

Mehr Literatur:

Graphic Novel zum 60. Jahrestag des Arbeiteraufstands in der DDR

Übersichtsseite Kultur und Freizeit in Berlin

 

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