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Jonathan Lethem: „Bekenntnisse eines Tiefstaplers. Memoiren in Fragmenten“

Lethem_Jonathan-c-keke-KeukelaarJonathan Lethem wurde von Jonathan Franzen im Scrabble besiegt, studierte mit Bret Easton Ellis am Bennington College in Vermont und veröffentlicht nun mit gerade mal 48 Jahren seine Memoiren. Als wäre Letzteres bei einem zwar erfolgreichen, aber keineswegs berühmten Autor wie Lethem nicht schon irritierend genug, legt der Verlag mit dem Titel „Bekenntnisse eines Tiefstaplers“ noch eine Schippe drauf. Doch der Originaltitel lautet „The Ecstasy of Influence„. Und darum geht es auch: um Einflüsse, Schreibimpulse, Lese- und Lebenserfahrungen – und die Frage: Was fängt man als Schriftsteller damit an?
Im Grunde sind die „Memoiren in Fragmenten“ nur eine Klammer, die eine lockere Verbindung schafft zwischen Essays, Aufsätzen und Erzählungen, die Lethem in den letzten zwei Jahrzehnten geschrieben hat. Dabei fängt alles ganz autobiografisch an. Er erzählt von seiner Zeit als Buchverkäufer, Erfahrungen beim Trampen in Nevada und charismatischen Studentinnen an der Kunstschule. Doch dann taucht er ein in die Welten der Comic-Helden, Popidole und Science-Fiction-Autoren, von denen ihn Philip K. Dick und J. G. Ballard am meisten beeindruckten.

Seine These, dass Kunst ohne Quelle nicht denkbar und das Plagiat die Seele des Schaffensprozesses sei, illustriert er mit eigenen frühen Prosawerken und einem aus Zitaten gesampelten Essay, bei dem er am Ende sämtliche Quellen offenlegt. Auch Bob Dylan, den Lethem verehrt wie keinen anderen, wusste, wo man sich im Zitatenschatz der Menschheit bedienen konnte, wenn es darum ging, ein eigenes Universum zu schaffen. Lethem widmet ihm den letzten Essay des Buches, in dem es heißt: „Dylan glaubt offenbar, dass er einen Körper bewohnt, in dem es spukt wie in einem Haus, die Gespenster sind seine bardenhaften Vorgänger.“ Der Held in Lethems autobiografischem Bildungsroman „Die Festung der Einsamkeit“ heißt gewiss nicht zufällig Dylan Ebdus. Jonathan Lethem ist ein Autor, der weder tiefstapelt, noch aufschneidet, sondern sich seiner Prägungen ebenso bewusst ist wie der Tatsache, dass er sich als Autor in einem Kosmos bewegt, der von anderen erdacht wurde.

Text: Ralph Gerstenberg

Foto: Keke Keukelaar

tip-Bewertung: Lesenswert

Jonathan Lethem: „Bekenntnisse eines Tiefstaplers. Memoiren in Fragmenten“ Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens, Tropen Verlag, 352 Seiten, 21,95 Ђ

 

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