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Jonathan Lethem: „Chronic City“

manhattanErkenntnistheoretische Spekulation? Postmoderne Science Fiction? Eine Studie über Paranoia? Oder nichts von alledem? Der Schauspieler Chase Insteadman, ein ehemaliger Kinderstar, der jetzt dem höheren Müßiggang frönt, füllt die lokalen Klatschspalten. Seine Geliebte, die Astronautin Janice Trumbull, ist gefangen im Orbit, weil ein chinesischer Minensperrgürtel sie an der Rückkehr zur Erde hindert, und schreibt von dort schmachtende Mails an ihn. Chase macht derweil die Nächte durch mit der ebenso charismatischen wie genial verpeilten Rockschreiber-Legende Perkus Tooth, einem schizoiden Verschwörungstheoretiker, der mit stupender popkultureller Gelehrsamkeit die ganze Gegenwartskultur als großen Fake entlarvt. Bei ihm trifft Chase auf Oona Laszlo, die rasende Promi-Biographin, die nach dem weggetippten Tagespensum bald regelmäßig mit Chase ins Bett springt. Richard Abneg, ein alter Schulfreund von Tooth und ehemaliger Revoluzzer, gesellt sich auch noch hinzu.

Und dieses Quartett versucht nun, befeuert von einer schier endlosen Reihe Joints, den Mysterien Manhattans auf den Grund zu gehen. Denn es geschehen merkwürdige Dinge. Ein riesiger Tiger treibt sein Unwesen – oder ist es eine außer Kontrolle geratene Tunnelbohrmaschine? Und warum ist die Wall Street im ewigen Nebel versunken? Und warum hört der Winter nicht mehr auf? Das beliebte Internetspiel „Yet Another Life“, eine komplette virtuelle Realität mit allem Drum und Dran, bringt sie auf eine Spur: Ist vielleicht ganz Manhattan ebenfalls nur eine Simulation, eine Realität zweiter Ordnung? Es ist die alte erkenntnistheoretische Frage, ob das, was man so glasklar vor sich sieht, die Wirklichkeit ist oder doch nur auf sie verweist, die diesem Spiegelkabinett von einem Roman nicht nur das Thema gibt, sondern ihn auch formal strukturiert.
Auf so etwas wie Plausibilität kann Lethem dann auch keine Rücksicht nehmen. Das ist stets die Schwäche solcher beeindruckend artifi­ziellen Metakunst. Sie hängt im Orbit des Ästhetischen fest, dreht leer, und hat mit den Dingen hienieden nur noch mittelbar etwas zu tun. Aber Spaß macht die literarische Schnitzeljagd durchaus, und spannend ist sie auch.

Text: Frank Schäfer

Foto: Ullstein Bild-Impact

tip-Bewertung: Lesenswert

Jonathan Lethem: „Chronic City“ Deutsch von Johann Christoph Maass und Michael Zöllner. Tropen bei Klett-Cotta, 495 Seiten, 24,95?Ђ

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