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Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“

schalanskyIn ihren Schülern sieht sie nichts als Blutsauger, die ihr jede Lebensenergie rauben: „apathisch, überfordert, ausschließlich mit sich selbst beschäftigt“. Die Pubertät ist in ihren Augen nur „ein unaufhaltsames Wachsen und Wuchern“, ein krankheitsähnlicher Prozess, der artige Mädchen in hysterische Biester und aufgeweckte Jungs in phlegmatische Proleten verwandelt. Auch für ihre Kollegen hat sie kaum mehr als Verachtung übrig. Inge Lohmark ist eine Protagonistin, die sich durch ihre Strenge und Entschlossenheit erfreulich von den orientierungslosen Mittdreißigerinnen der neueren Berlin-Literatur abhebt. Seit 30 Jahren unterrichtet sie Sport und Biologie an einem Gymnasium in Vorpommern, die Lehre von der Entstehung der Arten bestimmt ihren nüchternen Blick auf die Menschen, die sie umgeben. Die neunte Klasse, der sie die Grundlagen von Vererbung beibringen soll, wird ihre letzte sein. Das Gymnasium soll abgewickelt werden, die ostdeutsche Provinz bringt nicht mehr genug Nachwuchs hervor, um es zu füllen. Lohmark selbst gehört einer Art an, die vom Aussterben bedroht ist: Ihr steht womöglich die Degradierung zur Sachkundelehrerin an einer Grundschule bevor.

Die in Greifswald geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin Judith Schalansky, die für ihren kunstvollen „Atlas der entlegenen Inseln“ mit Buchpreisen überhäuft wurde, gliedert ihren zweiten Roman nach dem Lehrplan für die neunte Klasse: Naturhaushalte, Vererbungsvorgänge, Entwicklungslehre. Anhand dieser Einteilung gelingt ihr eine Bestandsaufnahme der sozialern Zusammenhänge, die sich an Kälte und Klarheit mit Houellebecqs „Elementarteilchen“ messen kann, nur dass die Weltsicht der Hauptfigur, die Schalansky als Brennglas ihrer Erzählung anlegt, nicht auf den neuesten Forschungsergebnissen der Neurologie und der Biochemie gründet, sondern auf scheinbar universellen Naturgesetzen. Innerhalb der Lerneinheiten vergrößern sich akute gesellschaftliche Vorgänge wie unter einem Mikroskop: die Erschlaffung der Jugend, die Überalterung der Gesellschaft, die Entvölkerung ganzer Landstriche. Als kühle Beobachterin dieser Vorgänge isoliert Inge Lohmark sich so sehr, dass sie schließlich ganz alleine dasteht: ein einsames Säugetier, dem die mütterlichen Instinkte abhanden gekommen sind.

Text: Heiko Zwirner

tip-Bewertung: Herausragend

Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“; Suhrkamp, 222 Seiten, 17,90?Ђ

Lesung
Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestraße 125, Mitte, Di 18.10., 20 Uhr

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