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Juli Zeh

Juli Zeh

Juli Zeh steht im Stau, als ihr Telefon klingelt. Einmal nur, dann nimmt die Erfolgsautorin den Anruf an. Der Motor brummt, die Leitung rauscht, die Stimme klingt blechern. Es gibt sicher bessere Bedingungen für ein Gespräch über ihren neuen Roman. Aber das mediale Interesse an Roman und Autorin ist derart groß, dass ein kurzfristig angefragtes Treffen nicht möglich war.
An diesem Abend vor dem offiziellen Buchstart ist sie nach einem langen Tag in den Berliner ARD-Studios auf dem Rückweg ins Havelland, wo sie mit ihrem Mann seit zehn Jahren lebt. Sie hat mit Stau gerechnet, entsprechend entspannt ist sie. Sie freue sich, dass es nun endlich losgehe und die Leser das Dorf, das sie seit zehn Jahren umtreibt, kennenlernen können, sagt sie. "Unterleuten" heißt das Kaff, das ihrem neuen Roman nicht nur den Namen, sondern auch den Stoff für 640 mitreißende Seiten gibt.
Die Wahlbrandenburgerin ist eine der gefragtesten Autorinnen des Landes. Über ein Dutzend Bücher hat die engagierte Schriftstellerin und promovierte Juristin in den letzten 15 Jahren veröffentlicht, darunter Bestseller wie "Spieltrieb" oder "Schilf".
In ihrem fünften Roman lässt sie die Idylle auf dem Land grandios an den Säulen eines Windparks zerschellen. Nirgendwo ist man so "unter Leuten", wie in Unterleuten, dem die jahrzehntelange Rivalität der beiden Dorfhäuptlinge Kron und Gombrowski eine stabile Grundordnung gibt. Doch als einige Hauptstädter dort ihrem Traum eines naturverbundenen Lebens nachgehen, der Bürgermeister mit Plänen für einen Windpark aufwartet und ein bayerischer Investor den halben Landkreis aufkauft, ist es mit der Ruhe vorbei.
"Das hat für mich sehr viel mit unserer Epoche zu tun, in der die Sicherheiten verloren gehen. Das 20. Jahrhundert geht wirklich zu Ende und die Zeit der Stabilität ist vorbei. Wir leben in der Zeit der großen Auflösung. Angst und Verunsicherung sind in den Köpfen der Menschen", sagt sie, während fremde Stimmen in die Frequenz unseres Gesprächs drängen. Ist das der Überwachungsstaat, gegen den sie sich seit Jahren engagiert wie keine andere im Literaturbetrieb? Wer weiß. Sicherheitshalber wird neu gewählt. Vergeblich, die Stimmen sind immer noch da.
Zehs in die Ost-Prignitz gepflanztes Hirngespinst entspringt der Wirklichkeit. Im Umland von Berlin stößt man auf ein Dutzend solcher Dörfer, in denen sich täglich eine Variante des gewachsenen und von der Moderne befeuerten Dorfkonflikts abspielt. "Unterleuten" ist ein märkisches Sittengemälde, in dem die gebürtige Bonnerin das provinzielle Mit- oder vielmehr Nebeneinander an den Folgen des Entwicklungsgefälles zwischen Stadt und Land kollidieren lässt. Was zur Momentaufnahme fehlt, ist der gesellschaftliche Rechtsruck.
Ihr vielstimmiges Figurenensemble lenkt sie mit einer unwiderstehlichen Kunstfertigkeit. Als Leser sieht man die Welt durch die Augen ihrer Charaktere. "Und dann geht man plötzlich in den Kopf einer anderen Figur und sieht die, in der man gerade noch gesteckt hat, als Verbrecher oder Egoisten. So hat man immer wieder diesen Wechsel zwischen Innensicht und Außensicht und muss ständig revidieren, was man gerade noch geglaubt hat", erläutert Zeh.
Warum das noch spannender ist, als es ohnehin schon klingt, weiß Zehs Alter Ego, die Journalistin Lucy Finkbeiner: "Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er morgens bis abends recht hat."
Mit dem neuen Roman hat Zeh den Verlag gewechselt, "um mich von meiner eigenen beruflichen Biografie der letzten Jahre freizuschwimmen", wie sie selbst sagt. Vielleicht aber auch, um bessere Aussichten auf die literarischen Lorbeeren zu haben. Die bleiben ihr vorerst verwehrt, ihr Pageturner wurde wieder Erwarten nicht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Für Zeh eine herbe Enttäuschung: "Ich kann es nicht richtig erklären, aber mich beschleicht ein Gefühl, als dürfte ich mit den anderen nicht mitspielen."
Wenige Minuten nach diesem Satz ist das Telefonat beendet. Die fremden Stimmen sind verschwunden. Juli Zeh steht immer noch im Stau.

Text:
Thomas Hummitzsch

Foto: Thomas Müller | www.MUELLER-foto.com

Unterleuten von Juli Zeh, Luchterhand, 640 S., 24,99 Euro

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