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Julia Franck: „Rücken an Rücken“

/julia-franck_rucken-an-rucken„Rücken an Rücken“ von Julia Franck ist autobiografisch eingefärbt und gibt sich illusionslos – das Buch zitiert Gedichte ihres Onkels, der sich, unter der Mutter leidend, 1962 in der DDR das Leben nahm. Franck verankert ihren Entwicklungsroman, der das Gefühl des Eingesperrtseins, mental und territorial, ins Epische zu übersetzen sucht, in der Zeit des Mauerbaus. Sie umreißt das Heranwachsen von Thomas und Ella, Bruder und Schwester, beide sind umstellt von Fratzen. Ihr Untermieter ist bei der Stasi, er missbraucht das Mädchen. Die Mutter, eine Bildhauerin, schafft Menschen aus Stein, doch verachtet jene aus Fleisch und Blut: wieder also eine kalte Mutter, wie in der „Mittagsfrau“, für die Franck 2007 den Deutschen Buchpreis erhielt. Der Mann von Marie, in die sich Thomas verliebt, verkauft sie nach Feierabend an Arbeitskollegen.

Diese kurzen grellen Reize verlieren sich schnell in Klischees. Sie werden aufgetischt, doch sie erklären wenig. Es sind Figuren aus der Geisterbahn, ohne plausiblen Platz im Alltag. Dieses Buch will kaum hinaus ins Leben, der Radius des Romans ist eng geschlagen – als fühlten sich Thomas und Ella durchaus wohl in ihrer Blase, hermetisch von der Welt geschieden, wabernd in einer leicht inzestuösen Atmosphäre. Julia Franck verweilt im Phlegma, als sei das, Ende der 50er Jahre in Ostberlin, alles ein Prolog, der viel verheißt, doch wenig hält.

Vielleicht ist die Ereignislosigkeit dieses Romans genau so vorgesehen: das somnambule Treiben, das Träumen mit den offenen Augen, als weigerten sich die Geschwister, den Vorhang ihres Zimmers aufzuziehen. Mag sein, dass Julia Franck ein Bild gefunden hat, das recht präzise die mental so überspannten, ökonomisch untermotorisierten und ideologisch eher diffusen Jahre der DDR kurz vor und nach dem Mauerbau getroffen hat. Literarisch aber funktioniert das in der ersten Hälfte ihres Buches nicht; stilistisch bleibt sie angestrengt und dümpelt dramaturgisch oftmals ohne Ambition. Das Buch möchte sich schmücken mit der Schwere seines Themas, der kalten Ideologisierung eines Volkes, doch zu erzählen hat es wenig. Selbst, wenn es in der zweiten Hälfte der anfänglich so dünnen Suppe doch noch etwa Fleisch und Nährwert beigibt.

Text: Lars Grote

tip-Bewertung: Zwiespältig

Julia Franck: „Rücken an Rücken“ S. Fischer, 383 Seiten, 19,95?Ђ

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