Bücher

Julia Kissina

Julia Kissina

Russen sind Extremisten, Amerikaner Fundamentalisten und wir hier die goldene Mitte", sagt Julia Kissina und lacht. "Wir hier", damit meint sie Europa, insbesondere Berlin. Seit 2003 lebt die Schriftstellerin und Aktionskünstlerin in Schöneberg, nahe dem Nollendorfplatz. Geboren wurde sie 1966 im ukrainischen Kiew, das damals zur Sowjetunion gehörte. Dieser Tage erscheint ihr neuer Roman "Elephantinas Moskauer Jahre", eine mitreißende und schillernde Chronik der 1980er, die vom turbulenten Werdegang einer genialischen Künstlerin handelt.
Mit Russland heute verbindet sie wenig. "Putin kotzt mich an. Wie Erdo?an und Trump übrigens auch." Damals aber, in den "Roaring 80s", zählte sie zum legendären Kreis der Moskauer Konzeptualisten. Wie alle Vertreter der alternativen, nicht-systemkonformen Literatur, publizierte Kissina versteckt im Samisdat. Doch im Untergrund-Verbreitungssystem ging es nicht allein um Texte von Dissidenten, betont sie. "Der Samisdat stand vor allem für hohen Anspruch und Qualität. Da war längst nicht jeder eingebunden. Und es war gefährlich, es gab Hausdurchsuchungen, im schlimmsten Fall drohte Gefängnis. Das war natürlich der Reiz."
In "Elephantinas Moskauer Jahre" findet man all das wieder, die konspirativen Treffen der Avantgarde-Künstler, verbotene Konzerte, Verhöre durch das KGB und nicht zuletzt eine wahre und prägende Begegnung mit dem Beatnik Allen Ginsberg. Das Autobiografische ist Programm, es geht um Erinnerung und Kissina tritt schreibend in die Fußstapfen von Marcel Proust, dem Autor von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Die Geschlechter­unentschiedenheit ihrer Heldin und auch das Phantastische, das bald auf jeder Seite durchscheint, erinnert an Virginia Woolfs "Orlando". Zwar dürfe man die Erinnerungen nicht immer für bare Münze nehmen, sagt Kissina. Eher handele es sich um eine "getunte Autobiografie", Erinnerungslücken wurden durch Phantasie kompensiert. "Aber in Zeiten von Facebook sind wir alle öffentliche Personen. Es gibt nichts mehr, wofür wir uns zu schämen brauchen."
Julia Kissinas fulminantes Buch knüpft an ihrem letzten Roman an. "Frühling auf dem Mond" (2013) erzählt von einem rebellischen Mädchen, das innerhalb der Intelligenzija Kiews aufwächst. Als junge Frau, die keine sein will, gelangt sie nun, im neuen Roman, mitten hinein in die Aufbruchstimmung, die im Zerfall der Sowjetunion mündet. Diese Stimmung lässt sich mit dem Geist vergleichen, der in den 90ern in Berlin herrschte, in den 70ern in New York und in den 20ern in Paris. Auch sind Kissinas Figuren übertragbare Typen. Es handelt sich um echte, starke Großstadtliteratur. Auf die Frage, warum ihr Weggefährte Vladimir Sorokin nicht vorkommt, zuckt sie die Schultern. Der sei zu normal. "Das ist mir zu langweilig. Ich bin doch nicht Jonathan Franzen."
Zu erzählen hat Julia Kissina noch einiges – geplant ist eine Fortsetzung, die eine russische "Mond-Trilogie" vollenden soll. Wie viele ihrer Landsleute fackelte auch sie nach der Öffnung der Grenzen nicht lange. Sie gelangte nach München, wo sie an der Kunstakademie studierte. Bald wurde sie bekannt durch performative Fotografien (www.juliakissina.de) und Aktionen wie spiritistische Sitzungen, in denen sie Gespräche mit Malewitsch oder Duchamp führte, eine Performance, für die ihre Mutter Speisen aus Hundefutter herstellte, oder einen telefonischen Beichtstuhl, den sie zur Eröffnung des HAU unter Matthias Lilienthal einrichtete. Schließlich blieb sie in Berlin, einer "Stadt mit vielen Gesichtern", sagt sie, die allerdings als Metropole auch  Verantwortung trage. "Es gibt hier tolle Künstler, aber die Atmosphäre droht einzuschlafen. Es braucht mehr Internationalität und Spielraum. Berlin gehört nicht Deutschland, es gehört der Welt."

Text: Tobias Schwartz

Foto: Alan Kaufmann / Suhrkamp Verlag

Elephantinas Moskauer Jahre
von Julia Kissina, aus dem Russischen von Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 240 Seiten, 22,95 Euro

Mehr über Cookies erfahren