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Julian Barnes: Das Ende einer Geschichte

Julian Barnes’ kürzlich mit dem Booker-Preis ausgezeichneter Roman  ist eine entspannte, luzide Meditation über die identitätsstiftende und dabei ganz und gar unzuverlässige Funktionsweise der Erinnerung. Der Ich-Erzähler Tony Webster, ein in die Jahre gekommener, leidlich gebildeter Ex-Kulturverweser, das fleischgewordene Mittelmaß, legt hier Rechenschaft ab über sein komfortables, bürgerliches, ein bisschen langweiliges, aber moralisch halbwegs astreines Leben. Jedenfalls hat er sich das all die Jahre eingeredet.

Dass er mehr mit dem Selbstmord seines damaligen Schulfreundes Adrian zu tun hat, als ihm lieb sein kann, und dass er auch beim Scheitern seiner Beziehung zu Veronica, Adrians späterer Freundin, nicht die tadellose Rolle gespielt hat, die er sich in der Rückschau zurechtimaginiert, kommt erst spät, aber für den Erzähler umso schmerzlicher ans Tageslicht. Leider kann man den Plot nicht ein­gehender referieren, weil man dem Buch sonst jede Spannung nimmt. Dass man aber bei einem zumindest auf der Handlungsebene so unspektakulären Roman tatsächlich von Spannung reden kann, beweist bereits die erzählerische Klasse Barnes’, der die allmähliche Selbstentlarvung seines Antihelden mit dem dramaturgischen Ingenium eines gewieften Krimischreibers vorantreibt.

Mit der gleichen Souveränität sorgt Barnes auch für das poetische Unterfutter seiner Geschichte. Wenn Tony und Veronica sich etwa eine „Gezeitenwelle“ anschauen, bei der sich eine Flusswelle entgegen der natürlichen Stromrichtung auftürmt, dann nimmt dieses Naturschauspiel nicht nur das baldige Ende ihrer Beziehung symbolisch vorweg. Hier manifestiert sich zugleich die späte Erinnerungskorrektur Tonys – „als habe die Zeit für den Moment den Rückwärtsgang eingelegt“, als „fließe der Fluss für den Moment stromaufwärts“ –, dass ausgerechnet einer wie er, der sich immer so „friedfertig“ wähnte, eben doch maßgeblich am Unglück einiger Menschen beteiligt ist. Diese Prosa ist wohlgesetzt und stilistisch soigniert und kommt doch ohne den abgespreizten kleinen Finger aus. Nur dass Barnes immer wieder mit dem Zeigefinger auf ihre Durchgeformtheit weisen, sein erzählerisches Kalkül erklären muss, wirkt ein wenig eitel. Er kann es, will aber auch sichergehen, dass alle es bemerken.    

Text: Frank Schäfer
tip-Bewertung: Lesenswert

Julian Barnes: „Vom Ende einer Geschichte“
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 18,99 Ђ

 

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