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Karen Duves Märchennacherzählung „Grrrimm“

GrrimmWie kann es sein, dass von sieben Typen keiner auf die Idee kommt, einem Mädchen hinterherzusteigen, das als schönste Frau im ganzen Land gilt? Zumal dieses Schneewittchen sogar bei ihnen einzieht.

Die klassische Märchenlogik folgt gemeinhin einem moralischen Anspruch, hinter dem die Plausibilität der Handlung zurücktritt. Karen ­Duve – die pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum der Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“ ihre eigenen, mit Vignetten von Kat Menschik illu­strierten Grimm-Versionen vorlegt – geht nun auf vulgärpsychologische Tuchfühlung mit dem Märchenstoff. Sie frisiert die Geschichten so um, wie sie ihrer Ansicht nach eigentlich hätten laufen müssen.

So avanciert der Ich-Erzähler-Zwerg in Duves „Schneewittchen“-Text zum Schwerenöter, der sich notwendigerweise irgendwann auch an dem attraktiven Stubenmädchen vergreifen muss. Rotkäppchen wird zum schwarzen Schaf und aufgrund der albernen Kappe zum Gespött ihres Hinterwäldlerdorfes. Der Prinz aus der „Dornröschen“-Story quält sich nach hundert Jahren Wartestellung mit den körperlichen Leiden herum, die das Alter nun einmal mit sich bringt. In „Die Froschbraut“ wird der Frosch zum Polizisten. Und in „Grrrimm“ mutiert Rotkäppchens Großmutter zum Werwolf.

So legt Karen Duve den in den Grimm-Texten enthaltenen Horror frei und übersteigert ihn ins Absurde. Ihre humorigen Anachronismen – Leder­jacken, EU-Gelder, Mobiltelefone – sind aber leider nicht sonderlich originell und außerdem zu isoliert gesetzt, als dass sie sich elegant in das Erzählte einfügen würden. Die Neuinterpretationen mögen als witzige Hommage gemeint sein. Doch die Demontage des Materials und die Verbindung des Althergebrachten mit modernen Versatzstücken wirken unausgegoren. Man folgt diesen holprigen Hybriden und hätte doch lieber zu Iring Fetschers Märchenverwirrbuch „Wer hat Dornröschen wachgeküsst?“ gegriffen. Oder gleich zum Original.

Text: Christoph David Piorkowski
tip-Bewertung: Uninteressant

Karen Duve: „Grrrimm“
Galiani Berlin, 152 Seiten, 19,99 Ђ
Buchpremiere
Roter Salon, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte,
Do 1.11., 20.00

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