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Karen Russell: „Swamplandia“

swamplandia.Für „Swamplandia“ hat eine junge Amerikanerin nicht einfach nur weit das Maul aufreißende Helden erfunden, sondern auch eine ganze Menge Fabulier-Arbeit in einen austrocknenden Sumpf in Florida investiert: Die Short Story „Ava ringt mit dem Alligator“ aus dem Erzählband „Schlafanstalt für Traumgestörte“, mit dem uns Karen Russell vor drei Jahren erstmals als Talent vorgestellt wurde, hat die 1981 in Miami geborene Autorin zu einem beeindruckenden 500-Seiten-Roman ausgebaut; gerade wurde er für den britischen Orange Prize nominiert.

Zu Beginn ergreift Ava Bigtree das Wort und macht uns mit den Darbietungen vertraut, mit der ihre Eltern und die beiden Geschwister an 365 Tagen im Jahr Touristen in den titelgebenden Vergnügungspark mit 98 Alligatoren auf der Insel locken – inklusive Lehrpfad, Lebend-Fütterung, billigem Bier und gewagten Schwimmnummern. Die Details der Wrestling-Kämpfe sind nichts für Tierfreunde, dafür kommen Freunde des Nervenkitzels auf ihre Kosten. Sehr zügig landet Avas Bericht an dem Punkt, von dem an es mit der Raubtier-Revue bergab geht: Als das Mädchen gerade mal zwölf ist, „wurde Mom schwer krank, kränker, als es erlaubt sein sollte“ – und stirbt. Und damit langsam auch die Show, denn wenig später bleiben die Zuschauer weg. Als auch noch der Vater aufs Festland flüchtet, ist Ava plötzlich nicht nur die Herrin über die fresslustigen Biester, sondern auch diejenige, die verzweifelt versucht, den spärlichen auf der Insel verbliebenen Rest der Familie zusammenzuhalten: Während ihre Schwester Osceola Heil in spiritistischer Kommunikation sucht, heuert ihr Bruder Kiwi ausgerechnet beim Konkurrenzpark „World of Darkness“ an.

Die vom „New Yorker“ zu den 20 besten Autoren unter 40 gekürte Russell erzählt von der Verzweiflung angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs und zugleich von der Fantasie, mit der sie sich dem Ruin entgegenstellt. Dass in diese – Amerika geradezu manifestierende – Haltung noch jede Menge groteske Einfälle und komische Momente eingearbeitet sind, lässt einen oft staunen und manchmal wie die tierischen Helden aussehen: Mund weit offen.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Lesenswert

Karen Russell: „Swamplandia“ aus dem Amerikanischen von Simone Jakob, Kein & Aber, 510 Seiten, 22,90?Ђ 

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