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Katharina Hartwell: „Das Fremde Meer“

Das_fremde_MeerSchon als Kind hat Marie sich vor Krankenhäusern gefürchtet. Dass hatte auch damit zu tun, dass sie das Wort falsch verstand: Sie meinte, man müsste in ein „Krakenhaus“, wenn einem etwas fehlt. Am Ende des langen Romans „Das Fremde Meer“ von Katharina Hartwell muss Marie feststellen, dass sie schon als Kind alles richtig verstanden hat. „Denn die Kraken gibt es tatsächlich. Sie sind bloß unsichtbar. Aber das macht keinen Unterschied: Ich kann all ihre Arme fühlen, und sie halten mich im festen Griff, sodass ich mich nur noch schwerfällig und wie gegen einen Widerstand bewegen kann.“

Doch Marie hat diesem Widerstand etwas Elementares entgegenzusetzen. Sie kann nämlich erzählen, ihr geht die Vorstellungskraft nie aus, und so überwindet sie den festen Griff, in den das Leben sie nimmt, und wechselt die Ebene. Sie tut das mehrfach, insgesamt zehn Mal, und jedes Mal erzählt Marie dabei eine Liebesgeschichte.

Genau genommen ist es natürlich Katharina Hartwell, die hier erzählt, geboren 1984 in Köln, Studentin am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, in diesem Sommer auch Inselschreiberin auf Sylt. Sie legt mit „Das Fremde Meer“ nach dem Erzählband „Der Eisluftballon“ ihren ersten Roman vor.
Es geht darin um nicht mehr und nicht weniger als die Liebe in einem Lauf durch verschiedene Zeiten und Welten (viele sind „maritim konnotiert“, wie die Literaturwissenschaftler sagen würden, haben also mit Meer, Inseln, Strandgut, Wellen zu tun – der Romantitel ist redlich erarbeitet). Liebe hat bei Katharina Hartwell nur auf eine sehr vermittelte Weise mit Glück zu tun, eher mit tiefer, auch einsam machender Erfahrung. Wie sich das in mal phantastische, mal historische Welten nach außen faltet, das ist zwar nicht immer frei von Redundanzen (und manche Szenarien wie etwa eine „Wechselstadt“ sind eher behauptete als ausgeführte Dystopien), doch insgesamt überzeugt „Das Fremde Meer“ mit einer Verbindung von Gefühl und Fabulierlust.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Annehmbar 

Katharina Hartwell: „Das fremde Meer“
Berlin Verlag, 571 Seiten, 22,99 Ђ

Buchpremiere
ocelot, not just another bookstore, Brunnenstraße 181, Mitte,

Do 8.8., 20.30 Uhr

 

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