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Kathrin Gerlofs Debütroman

Kathrin Gerlof 2007_Rico_PraussAm Anfang von Kathrin Gerlofs Roman steht eine seltsame Begegnung. Markov, ein äußerst distanzierter Mensch, der in der Abgeschiedenheit der ostdeutschen? Provinz an seiner Dissertation schreibt, trifft beim Pilzsuchen einen seltsamen Mann: Teuermann. Zunächst hält Markov den Fremden für einen Verrückten. Wer sonst trägt mitten im Wald einen dunkelblauen Anzug und meint, vom Anfangsbuchstaben eines Nachnamens auf die Persönlichkeit eines Menschen schließen zu können?

Doch dem Sonderbaren wohnt auch ein faszinierendes Rätsel inne. Und nach einer anfänglichen Abwehrreaktion taucht Markov ein in Teuermanns Welt, in der der Satz des amerikanischen Autors Jim Harrison „Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten“ quasi zum Gesetz wird. Nach und nach setzt sich Teuermanns Leben lückenhaft aus seinen Erzählungen zusammen. Zwei Menschen sind unter seltsamen Umständen ums Leben gekommen: Teuermanns Frau und seine Geliebte. Teuermann erzählt die tragische Geschichte, die zu dem Unglück führte. Aber wie groß ist seine Schuld daran? Leerstellen entstehen, denn obwohl Teuermann ständig von sich erzählt, wird bald klar, dass er auch Dinge verschweigt.

Für die Sprachlosigkeit in der Kommunikationsgesellschaft findet Kathrin Gerlof ein starkes Bild: Ein Mann, der in einem Hotelzimmer lebt, das niemand betreten darf, verweigert die Kommunikation mit seinen Mitmenschen. Mit dem Hotelpersonal kommuniziert er über Notizzettel. Als Teuermann, von seiner Neugier getrieben, in das Zimmer des Mannes dringt, entdeckt er ein Labyrinth, das dieser – wie ein Höhlenbewohner in der Steinzeit – in seiner sprachlosen Einsamkeit in die Wand gemeißelt hat.
Interessant an diesem ersten Roman der Berliner Journalistin Kathrin Gerlof ist nicht nur die stilistische Klarheit, mit der sie ihre Geschichte erzählt, interessant ist auch die Art und Weise, wie sie ihre beiden Hauptfiguren aus ihren Erzählungen heraus ent­wi­ckelt – ohne zu psy­chologisieren oder sie allzu deutlich zu charakterisieren. Selbst auf Vornamen wird verzichtet, so dass die Möglichkeit besteht, dass es sich bei Markov um eine Frau handelt. In der existenziellen Zuspitzung des Romans wird das Geschichtenerzählen zu einer lebenserhaltenden Maßnahme, die in Teuermanns Satz gipfelt: „An dem Tag, an dem ich keine Geschichte mehr erzählen kann, werde ich mich selbst töten.“

Text: Ralph Gerstenberg

Kathrin Gerlof „Teuermanns Schweigen“, Aufbau Verlag, 181 Seiten, 17,95 Ђ

Lesung Mi 11.6., 20 Uhr, Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestraße 125, Mitte, Moderation: Gabriele von Arnim, Eintritt: 5/3 ¤

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