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Katja Petrowskajas Roman „Vielleicht Esther“

Petrowskaja„Geschichte ist, wenn es plötzlich keine Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen“, schreibt Katja Petrowskaja, und in diesem Sinne erzählt sie die Geschichte ihrer Familie. Die Geschichte einer großen Familie, mit unterschiedlichen Nachnamen, die vom Krieg geprägt wurde, deren Nachfahren heute über die Kontinente versprengt sind und von denen sie nicht weiß, wer tatsächlich zu ihr gehört. Der Leser folgt Petrowskaja in der Schwebe zwischen Erinnerung und Imagination. Ausgehend vom heutigen Berlin macht sie einen Sprung zurück in ihre Kindheit im Kiew der Siebzigerjahre und beschreibt die Nachwirkungen des Krieges auf die Lebenshaltung der Menschen: „Man rief uns dazu auf, niemanden und nichts zu vergessen, damit wir vergaßen, wer und was vergessen war.“ Petrowskaja geht der Frage nach, wer die ihrigen waren, was sie zu Lebzeiten taten, wohin sie gingen und vor allem, wo sie blieben.

In der Figur der titelgebenden Esther, die 1941 in Kiew von den Nazis erschossen wird, steckt die reale Vorlage von Petrowskajas Urgroßmutter – vom Vater der Autorin stets nur mit „Babuschka“ angesprochen, weswegen ihr Name nicht mit Sicherheit überliefert ist. Die Unsicherheit darüber, was real ist, wie man als Nachkömmling mit dem Schicksal der unbekannten Verwandten umgehen soll, wie man als Mensch überhaupt jemals die Schrecken des Krieges und des Nationalsozialismus begreifen soll, macht das Buch spürbar. Es ist eine Geschichte, die stellvertretend für die Schicksale derer steht, die durch die Gräueltaten der Nationalsozialisten vertrieben und ermordet wurden, deren Geschichte aber nicht mehr erzählt werden kann, weil niemand mehr da ist, der sich erinnert. Petrowskaja hat das Buch auf Deutsch und nicht in ihrer Muttersprache Russisch verfasst, um Distanz zu schaffen und nicht auf die Perspektive der Opfer festgelegt zu sein.

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Mit ihren eindringlichen Beschreibungen, die sich trotz des schweren historischen Stoffs nicht schwermütig lesen, wirft die Autorin Fragen auf, die jeden betreffen, egal ob er deutsche, jüdische oder ganz andere Vorfahren hat. Mit einem Auszug des Buches gewann Petrowskaja 2013 zu Recht den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Text: Lea-Maria Brinkschulte

tip-Bewertung: Herausragend

Katja Petrowskaja: „Vielleicht Esther“ Suhrkamp, 285 Seiten, 19,95Ђ

Berliner Buchpremiere mit Lesung & Gespräch Deutsches Theater, Schumannstraße 13, Mitte, Mo 24.3., 20 Uhr

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