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Kevin Powers: „Die Sonne war der ganze Himmel“

YellowBirdsKevinPowersSoldaten können schreiben. Das ist die große Erkenntnis aus diesem Buch. In den USA erregte es einiges Aufsehen. Und das nicht nur, weil es 2012 am Jahrestag der 9/11-Anschläge veröffentlicht wurde – ein wenig geschmacklos zwar, aber marktstrategisch natürlich clever. Von 2004 bis 2005 diente Kevin Powers als Soldat im Irak. In seinem Romandebüt „Die Sonne war der ganze Himmel“ verarbeitet er seine Erlebnisse jetzt und will damit mehr als nur einen Erfahrungsbericht vorlegen. John Bartle ist 21. Zur Army ist er gegangen, weil das Leben dort einfach schien und ihm gesagt wird, wer er zu sein hat. „Niemand erwartete viel von mir, und ich verlangte wenig.“ An einen Kriegseinsatz dachte er nie. Als er dann doch in den Irak muss, verspricht er der Mutter eines Kameraden, auf ihren Sohn aufzupassen. Ein Versprechen, das ihm noch übel auf der Seele lasten wird. Schonungslos beschreibt Kevin Powers die Massaker und Verstümmelungen des Krieges. Mitunter geht der Wille zum Stil mit ihm durch. Man merkt, dass er Poetry Fellow an der University of Texas war. Amerikaner aber lieben Pathos. Es wird sicher nicht lange dauern, bis sich ein Regisseur die Rechte sichert. Manchmal muss man beim Lesen an die großen Kriegsromane von Erich Maria Remarque, Heinrich Böll oder Alfred Andersch denken. Und an Oliver Stones Film „Born On The 4th Of July“.

Denn zurück in Amerika ist nichts mehr, wie es war. Bei der Autofahrt ertappt sich John, wie er die Felder am Wegrand nach einer Deckung absucht. Bald bewegt er sich nur noch, um Bier zu holen. Es ist ihm unerträglich, wenn andere ihn bewundern, statt ihn zu hassen, weil er im Krieg war. Wenn der Wirt ihm etwas zu trinken spendieren will, geht er und bezahlt selbst. John isoliert sich immer mehr. Möchte den Beweis für sein Am-Leben-Sein möglichst klein halten: „Wenn ich schon nicht vergessen konnte, wollte ich wenigstens vergessen werden.“ Es ist erstaunlich, wie Kevin Powers den Krieg und dessen Traumata in prägnanten Sätzen auf den Punkt bringt. Dass der Roman trotzdem nicht plakativ wirkt, ist seiner fein gesetzten Sprache und der guten Übersetzung von Henning Ahrens zu verdanken.

Text: Welf Grombacher

tip-Bewertung: Lesenswert

Kevin Powers: „Die Sonne war der ganze Himmel“ Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, S. Fischer, 240 Seiten, 19,99Ђ

Lesung mit Kevin Powers (Englisch) und Max Riemelt (Deutsch) Autorenbuchhandlung Berlin, Else-Ury-Bogen 599-601 (am Savignyplatz), Charlottenburg, Do 25.4., 20 Uhr

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