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Knud Kohrs: „Helden wie ihr“ beim Verbrecherverlag

Knud_KohrEin Held zu sein ist nicht jedermanns Ding. Irgendwo ist der (sinnbild­liche) Drache, den es zu töten gilt. Gut, dafür gibt’s dann die Prinzessin mit auf den Heimweg. Aber vorher wartet eben der blöde Drache. Der Journalist und Buchautor Knud Kohr, gebürtiger Cuxhavener, seit Mitte der 80er-Jahre Wahl-Berliner, hat vom Heldentum ein paar andere Vorstellungen. In seinem Buch „Helden wie ihr“ demokratisiert er den per se elitären He­ro­is­mus. Seine Geschichten kreisen um seinen Wohnort, den Karl-August-Platz in Charlottenburg. Die lakonischen Miniaturen, entstanden als Kolumne für die „Baseler Zeitung“, handeln vom kleinen Mut und großen Herzen, von flüchtigen Glücksmomenten und beiläufigem Aufbegehren. Wie bei dem Handwerker, dem im Baggerloch ein Messer in die Leber gerät und der, kaum im Krankenhaus erwacht, zurück zur Baustelle eilt und den gemieteten Bagger zurückgibt. Oder der Kauffrau, die binnen zwei Jahren nach Diagnose ihrer Multiple-Sklerose-­Erkrankung 14 Schübe erlitt und beim Neurologen dem Mitpatienten Kohr (sein 2010er-Buch hieß „500 Meter. Trotz Multipler Sklerose um die Welt“) darlegt, weshalb sie noch nicht aus dem Fenster gesprungen sei: „Ich möchte in meinem Leben noch einmal Hula-Hoop machen.“

Helden-wie-ihrStets nähert sich Kohr seinen Figuren dabei mit präzisem Blick, doch er tritt ihnen nie zu nahe. Er beschönigt keine Lebensversehrten, aber er denunziert sie auch nicht. Ein Kalauerkrösus würde beispielsweise aus dem Straßenpassanten, der unablässig auf einen Hund namens Hasi einredet, welcher freilich nur in seiner Fantasie existiert, womöglich einen sehr schlichten Schenkelklopfer fabrizieren. Kohr dagegen besinnt sich auf einen Lexikoneintrag über einen „Puka“, einen guten Geist aus der keltischen Sagenwelt, und folgert daraus, dass dieser Mann, selbst wenn er geistesgestört wäre, nur dank Hasi so gut gelaunt und freundlich zu jedermann sei und deshalb unbedingt gegen übel gesinnte Mitmenschen verteidigt werden müsste. Was der Autor gleich selbst erledigt.
So ist das mit Heldengeschichten. Sie enden fast immer gut.    

Text: Erik Heier
Cover: Verbrecher Verlag
tip-Bewertung: Lesenswert

Knud Kohr: „Helden wie ihr“
Verbrecherverlag, 215 Seiten, 14 Euro

 

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