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Kommt ein Punk nach Wimbledon

In „Being John McEnroe“ erzählt Tim Adams davon, wie ein Tennisgenie ein Traditionsturnier durcheinanderwirbelte

Er war der größte Krieger im Tennis, den es je gab. „Er schlitzt die Leute einfach auf“, sagte Arthur Ashe über ihn. „Er versetzt einem kleine Stiche, und bald fließt überall Blut. Und es dauert nicht lange, dann ist man verblutet“. John McEnroes Schlachtfeld war Wimbledon, hier siegte der ehemalige Weltranglistenerste zwischen 1981 und 1984 dreimal im Einzel.

Die Wimbledongeschichte McEnroes, dem Spucker, Schlägerwerfer und Beleidiger („Ihr zwei seht aus wie Pickel an einem Baum“), hat Martin Amis als einen auf 160 Seiten angenehm knapp und schnörkellos verdichteten Essay zusammengefasst. 1977 war in London das Jahr des Punk, und als der damals 18-Jährige US-Amerikaner sein erstes Match in Wimbledon bestritt, jenem bis heute vom alten Establishment, Erdbeeren und den Royals geprägten Turnier, erschien das wie ein Äquivalent von Johnny Rottens Sex-Pistols-Attacken auf die Queen. Schon in seinem ersten Spiel wurde McEnroe ausgebuht, als er vor Wut seinen Schläger bog. Das, so Autor Adams, war Musik in dessen Ohren. Er bog den Schläger noch mehr. Doch ein Selbstdarsteller war McEnroe nicht. Am liebsten wäre es ihm gewesen, die (Fernseh-)Welt würde ihn ignorieren. Deshalb zertrümmerte er auf den Platz auch regelmäßig Mikrofone und ging auf Kameras los.

„Being John McEnroe“ ist deshalb so grandios, weil es den Aufstieg und Fall des Tennisgenies weniger als technische Beschreibung eines Sportlers und dessen Stils, sondern als Gesellschaftsphänomen, als eben diesen Kampf eines rüpelhaften Revoluzzers gegen das „Museumsobjekt“ Wimbledon erzählt. Adams These: McEnroes als Vertreter einer Amoral war wie jene amerikanische Kapitalisten, nach denen Premierminsterin Margaret Thatcher ihre Wirtschaftspolitik ausrichtete. Ein Egoist, der Karrieren der Achtziger verkörperte – „wenn er spielte, existierte für ihn keine Gesellschaft“. Dem mag man nicht widersprechen.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen dabei die Titanen-Duelle gegen den Schweden Björn Borg. „Superbrat“ gegen „Iceman“, Emotion gegen Kalkulation. Das legendäre Wimbledonfinale von 1980, heute inzwischen auf DVD vertrieben, verliert McEnroe in fünf Sätzen. Adams, und damit rührt er auch das härteste Sportfan-Herz an, vergleicht das Match mit dem dramatischen „Rumble in the Jungle“-Boxkampf Muhammad Alis gegen George Foreman, und wie es in der fantastischen Szene der Doku „When we were Kings“ festgehalten wurde: Alis (McEnroes) arbeitendes Gesicht, das Konzentration zeigt, dann wieder Leere und am Ende die Einsicht, etwas im Kampf anders machen zu müssen, weil er sonst verloren geht. McEnroe beendet sein Spiel daraufhin mit zwei knallharten Rückhandschlägen.

Tim Adams, „Being John McEnroe“, 160 Seiten, Berlin Verlag, 16 Euro.

 

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