Bücher

„Königstorkinder“ von Alexander Osang

Angekündigt war Alexander Osangs dritter Roman schon vor anderthalb Jahren. Man hatte also viel Zeit, seine Vorfreude am Leben zu erhalten. In der Verlagsvorschau klang die Story gar nicht schlecht: eine west-östliche Liebesgeschichte zwischen einem Ein-Euro-Jobber, der mit anderen Arbeitslosen ein Programm zum Mauerfalljubiläum einstudiert, und einer Bewohnerin der Townhouse-Siedlung. Das Aufeinanderprallen der beiden Welten versprach Potenzial für eine verwickelte, möglicherweise sogar charmante Geschichte.

Doch es ist wie bei einem lang ersehnten Film, bei dem man schon nach dem Intro ahnt: Das wird nichts. Auf den ersten 100 Seiten erfährt man etwas über ein Arbeitslosenprojekt, man erlebt eine österreichische Weinpräsentation in Prenzlauer Berg und eine Geburtstagsfeier in Charlottenburg – manchmal gut beobachtet, aber äußerst spannungsarm. Die zweiten ­100 Seiten hätte man lieber nicht gelesen: Ulrike Beerenstein ist zufällig gerade Strohwitwe und lässt den arbeitslosen Ostler Andreas Hermann, eine typische Osang-Figur, ein paar Liebesnächte bei sich im Townhouse verbringen.
Auf den dritten 100 Seiten wird jede Menge geredet – über protestantische Schwaben im Wins- und rheinische Katholiken im Bötzowviertel, man sitzt in sattsam bekannten Lokalen, in einem Ladenbüro findet die Präsentation für eine weinhaltige Ostbrause statt.

An der natürlich scheiternden Liebesgeschichte hat man schon längst jedes Interesse verloren. Die Protagonisten wirken zu schablonenhaft, als dass man ihre behaupteten Gefühle ernst nehmen könnte. Anstatt zu erzählen, erklärt Osang. Er erklärt uns seine Figuren und er erklärt uns den Prenzlauer Berg, oder vielmehr das Bötzowviertel, in das er nach sieben Jahren als Spiegel-Korrespondent in New York wieder zurückgekehrt ist.
Ach ja, und dann gibt es noch ein Tagebuch eines schwulen, krebskranken Ostprofessors und eine völlig überflüssige Rahmenhandlung, deren Pointe von einem nicht ganz unbekannten Film, sagen wir mal: „geborgt“ wurde und wirkt so, als traue Osang seiner eigenen Geschichte nicht. Warum nur?    

Text: Ralph Gerstenberg

(tip-Bewertung: Uninteressant)

Alexander Osang: „Königstorkinder“. Fischer, 336 Seiten, 19,95 Ђ

Buchpremiere: ino Babylon, Rosa-Luxemburg-Straße 30, Mitte, Mi 22.9., 21 Uhr

 

Weitere Buchbesprechungen:

HERAUSRAGEND: „SEPTEMBER. FATA MORGANA“ VON THOMAS LEHR

ZWIESPÄLTIG: TAGEBUCH 3 VON MAX FRISCH

LESENSWERT: „DER FEIND IM SCHATTEN“ VON HENNING MANKELL

LESENSWERT: „DEUTSCHLAND MACHT DICHT“ VON DIETMAR DATH

LESENSWERT: BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRES „AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPERN“ 

LESENSWERT: „KOKOSCHKINS REISE“ VON HANS-JOACHIM SCHÄDLICH 

HERAUSRAGEND: J.M. COETZEES „SOMMER DES LEBENS“

HERAUSRAGEND: T.C.BOYLES „DAS WILDE KIND“

LESENSWERT: DON DELILLOS „DER OMEGA-PUNKT“

HERAUSRAGEND: BURNSIDES „GLISTER“

LESENSWERT: „FRANKIE MACHINE“ VON DON WINSLOW

 

Mehr über Cookies erfahren