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Literaturfestival

Lange Buchnacht in der Oranienstraße: Die Geschichten der O.

Die Lange Buchnacht in der Oranienstraße verbindet den Sommer mit der Literatur. Sich einfach durch Kreuzberg treiben zu lassen ist eine prima Idee. Jetzt findet sie zum 25. Mal statt. Eine Huldigung von Herzen.

Lange Buchnacht in der Oranienstraße: Lesen und lesen lassen. Foto:  Jörg Schaper

Lange Buchnacht in der Oranienstraße: Routenplaner für die Lesungen des Herzens

Man kann die Lange Buchnacht am 29. Juni natürlich auch penibel planvoll angehen.  Einen Routenplaner für alle Lesungen des Herzens entwerfen. Und dann nichts wie los.

Von der Graphic-Novel-Lesung mit der Illustratorin Irem Kurt in der Schokofabrik um 17 Uhr zur Lesung von Behzad Karim Khani – hier noch mit seinem jüngst vom Theater adaptierten Debütroman-Kracher „Hund, Wolf, Schakal“ (sein neuer Roman „Als wir Schwäne waren“ ist für den August angekündigt, eine Rezension seines Debüts findet ihr hier) um 18 Uhr in der St. Thomas Kirche. Weiter zur Dachterrasse des Aufbau Hauses mit Patrizia di Stefanos heiter-nostalgischem Berlin/Italien-Roman „Nostalgia Siciliana“ um 19 Uhr. Weiter zur Lesung des fulminanten Comeback-Romans „Südstern“ von Tim Staffel um 21 Uhr in der Mittelpunkt Bibliothek. Dann zum Antiquariat Müßiggang, wo man ab 23 Uhr von der Gustav Landauer Initiative einiges auf die Ohren bekommt: „Hoch die Anarchie – von anarchistischen Umtrieben in Berlin“.

Ja, so einen Plan könnte man sich zurechtlegen.

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Aber dann war man eben nicht in der Buchhandlung Dante Connection, die ab 20 Uhr ihre ersten 30 Jahre feiert. Und man war auch noch nicht im tak Village, dem gerade erst eröffneten neuen Spielraum im Aufbau Haus, im Oranienhof neben dem großen tak Theater Aufbau Kreuzberg, wo zum Beispiel Johannes Dirschauer Briefe an tote Freunde liest, „Carpe Diem – Mememento mori“, aber leider schon um 18.30 Uhr, den hätte man dann leider verpasst. Dabei hatte doch Erik Steffen, einer der früheren Mitgestalter der ganzen Veranstaltung, Dirschauer mal das „Urgestein der Langen Buchnacht“ genannt.

Eine holperige Erfolgsgeschichte, wie sie nur Kreuzberg hervorbringt

Überhaupt, Kreuzberg und Plan. Selten so gelacht. Da ist es viel besser, man lässt sich einfach drauflostreiben. Mit Getränk in der Hand. Und schaut auf dem Weg dort vorbei, wo es einen eben noch so hintreibt. Ins Blauhaus Hillmann oder in den Goldenen Hahn. Zur Schwarzen Heidi oder zu Schmitz Katze. Und drumherum Kreuzberg, das brodelt und boomt, bollert und barmt. 

Diese Lange Buchnacht in der Oranienstraße, die in dieser Straße mit ganz viel Geschichte dieses Jahr zum 25. Mal stattfindet, ist eine dieser holperigen Erfolgsgeschichten, wie sie vielleicht nur dieser Bezirk hervorbringen kann. Ein Festival, das sich von Anfang an ein bisschen selbst kuratierte, ganz auf die Kreuzberger Art, basisdemokratisch, von unten. Wo Buchläden, Bibliotheken oder Museen ihr Programm ans Orga-Team schickten und Deadlines oft nur gut gemeinte Vorschläge waren.

Oranienstraße: Wie eine Großbuchhandlung

Michael Wießler, der Chef des Comic-Shops Modern Graphics in der Oranienstraße, hat lange Jahre im damaligen Verein zu den Mitorganisatoren gehört. Er kann einiges über die Gründung der Langen Buchnacht erzählen. Kreuzberg war, das muss man heutzutage jüngeren Menschen sehr sachte beibringen, Ende der 90er nicht gerade angesagt. Das französische Multimedia-Kaufhaus Fnac war bereits direkt nach der Wende nach West-Berlin gezogen, in Ku’damm-Nähe. Und Dussmann hatte 1997 sein Kulturkaufhaus an der Friedrichstraße aufgemacht. Vor allem Buchläden fanden sich dann zusammen. „Unsere Idee war zu zeigen: Die einzelnen Buchhandlungen in der Oranienstraße sind hier zusammen mindestens auch eine Großbuchhandlung“, erzählt Wießler.

Die Premiere der Langen Buchnacht fand 1998 noch im November statt, der gemeinhin mit dem Januar um den Ruf als tristester Berliner Monat des Jahres konkurriert. 17 Veranstaltungen an zwölf Orten. Die zweite Auflage fiel dann bereits ins Frühjahr. Und die Buchnacht wurde eine Erfolgsstory. „Berlins älteste und größte unabhängige Literaturveranstaltung dieser Art”, lobte die „taz“ 2019.

Wießler erinnert sich, als tip-Cartoonist OL und sein Partner Rattelschneck mal in seinem Laden ihre Show abzogen und die Oranienstraße davor „von freundlichen Polizisten“ wegen Überfüllung gesperrt werden musste. „Und wie dann, als die Lesung vorbei war, die Wanne nicht mehr ansprang und das Publikum sie auch noch anschieben durfte.“

2020 fiel die Buchnacht wegen Corona aus

Schon die siebte Ausgabe trug 2005 das Motto: „Hurra, wir leben noch!“ Ein Ausruf, der sich, als 2019 der tak Theater Aufbau Kreuzberg e.V. die Trägerschaft übernommen hatte, als prophetisch erweisen sollte. Im Frühjahr 2020 kam Corona. Keine gute Zeit für Lesungen in engen Kneipen und Buchhandlungen. In dem Jahr fiel die Lange Buchnacht aus, wie ja so ziemlich viel ausfiel. 2021 gab es eine digitale Version. 2023 traf man sich wieder rund um die „O“.

Theatermacher Moritz Pankok vom tak e.V. sagt: „Zu unseren Vereinszielen gehört, entsprechend dieses Hauses, Vermittlungsformen von Literatur zu entwickeln. Und da ist natürlich so eine Lange Buchnacht eine perfekte Vermittlungsform dafür, die eben auf der Straße, in der Umgebung, an verschiedenen Orten stattfindet.“

Knapp 20 Veranstaltungsorte sind dabei

Dieses Jahr sind knapp 20 Veranstaltungsorte dabei. Zum Beispiel die Bona-Peiser-Projekträume, wo Özge İnan liest, die vor einem Jahr den viel gelobten Roman „Natürlich kann man hier nicht leben“ veröffentlicht hat und in der Gegend aufwachsen ist. „Ich habe spezifisch das Thema Migration gewählt, weil unsere Nachbarschaft so ein Thema braucht“, sagt Amira Hoeltz vom Bona Peiser, die Mitglied des Buchnacht-Teams ist.

Michael Wießler von Modern Graphics macht diesmal bei der Langen Buchnacht keine Veranstaltung in seinem Laden. „Das ist wirklich verrückt“, sagt er. „Aber seit 25 Jahren wünsche ich mir, da einfach mal als Gast hinzugehen.“ Und sich treiben zu lassen.

  • Lange Buchnacht in der Oranienstraße diverse Orte, Kreuzberg, Sa 29.6., Programm hier

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