Bücher

Lass mich die Menschen der Vorkriegszeit anführen

In Joey Goebels „Heartland“ steht ein religiöser US-Unternehmer auf dem Sprung zur Politkarriere – gäbe es da nicht ein schwarzes Schaf in seiner Familie.

Ein Ex-Golfkriegssoldat erhält unerwarteten Besuch aus dem Irak. Ein Iraker, der ihn jahrelang suchte, der sich entschuldigen will, für die Verletzungen, die er ihm im Gefecht beigebracht hat. Der Iraker weint. Ist schon vergeben, sagt der Versehrte. Wenig später schießt er den Besucher über den Haufen.

In dieser Episode seines letzten Romans „Freaks“ beschäftigt Joey Goebel die Frage, warum wir das Fremde als Gefahr empfinden und was Gerechtigkeitsfanatiker antreibt. In Goebels neuem Werk „Heartland“ geht es wieder um einen Gerechtigkeitsfanatiker: der Unternehmersohn, trockene Alkoholiker und neu geborene Christ John Mapother, der für den Kongress kandidiert. Sein nebulöses Ziel: Er will, dass Gott und Allah sich die Hand reichen. Gleichzeitig fürchtet er sich – ganz weltlich – vor seinem jüngeren, ihm fremden Bruder, den er als PR-Maßnahme in den Wahlkampf einspannen möchte: Der jüngere Blue Gene ist ein Flohmarktverkäufer und Trailerpark-Bewohner, der Volksnähe garantiert. Allerdings will der vom Vermögen seiner Familie nichts wissen – ebensowenig wie von seiner Familie selbst, die ihn mit Reine-Neugier-aber-wo-siehst-Du-dich-in fünf-Jahren-Fragen angeht. Als Blue Gene einem Geheimnis auf die Schliche kommt, das die Verwandtschaftsverhältnisse verändert und die Ehre seines Bruders in Frage stellt, trifft er einen Entschluss: Er finanziert mit seinen Millionen eine Gegenkandidatin und errichtet in einem still gelegten Wal-Mart ein medienwirksames Gratis-Schlaraffenland aus Konzertsaal und Supermarkt. So wird der junge, Geld verschenkende Bruder seiner Familie zum Problem.

Virtuos skizziert der 27-jährige Joey Goebel immer wieder Freaks wie Blue Gene, die trotz aller nach außen demonstrierten Exzentrik sehr harmoniebedürftig sind und sich über ihre eigenen hohen Moralvorstellungen wundern. Solche unsicheren, herzerweichenden Figuren gelingen ihm auch in „Heartland“. Leider aber neigt Goebel, Sohn eines Sozialarbeiter-Ehepaars, auch bei seinen Freaks zum moralischen Fingerzeig, den er sonst nur seinen unsympathischen Figuren vorwirft. Da fällt ihm in den Parteireden seiner hippiesken Gegenkandidatin auch nicht mehr als Phrasen ein, um Kapitalismus, Männlichkeitswahn und die Irakpolitik zu torpedieren. „Keine anderen drei Worte haben mehr Schmerz bewirkt als: sei ein Mann“ wird da skandiert oder „die Existenz unserer Demokratie steht doch nicht auf dem Spiel, wenn unser Militär nicht mehr in verarmte Drittweltländer einfällt“. Unfreiwillig macht Goebel seine Helden zu Karikaturen der Friedensbewegung und derer sinnentleerten Parolen.

Die wiederum verstörendste Figur, die Familienmutter Elizabeth, erhält eine anfangs noch unscharfe Nebengeschichte, eine Geschichte von religiösem Wahn und Allmachtsfantasie, die sich im Laufe der Erzählung zu einem delirienden Finale steigert, in der sie träumt, dass brennende Panzer den Horizont säumen und ihr Kandidatensohn die „Menschen der Vorkriegszeit“ anführt. Sie ist eine jener radikalen Christen der westlichen Welt. Ebenso beängstigend wie die arabischen „Terroristen“, die sie fürchten.

Joey Goebel, „Heartland“, aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog, Diogenes, 720 Seiten, 22, 90 Euro.

Mehr über Cookies erfahren