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Lee Rourke: „Der Kanal“

der_kanalWarum nicht einfach mal das Leben komplett umkrempeln – mal raus aus dem Berufsalltag, den täglichen Zwängen, der Fernsteuerung durch Termine und andere Verpflichtungen? Warum nicht einfach mal etwas ganz anderes machen? Vielleicht sogar gar nichts? Der junge Londoner aus dem stillen, aber gedankenreichen Debütroman des 39-jährigen Briten Lee Rourke hat sich genau das getraut. „Ich habe einfach eines Morgens beschlossen, anstatt wie üblich zur Arbeit zum Kanal zu gehen.“ Dort, an der Verbindung zwischen den Bezirken Hackney und Islington im Norden der Metropole, beobachtet der namenlose Ich-Erzähler von einer Holzbank aus die Kanadagänse, Schwäne und Blesshühner auf dem verschmutzten Gewässer und vergleicht ihr Treiben mit dem der hektischen Angestellten vor den Flachbildschirmen im fünfstöckigen Bürohaus dahinter. Vor allem aber gibt er sich der Langeweile hin – und singt ein Loblied auf boredom: „Ich halte Langeweile für etwas Gutes; sie formt uns und treibt uns an.“ Und der junge Mann, „ein glücklicher Mensch“, wie er seine Kündigung unterschrieben hat, genießt seinen Entschluss: „Es war gut, hier zu sitzen und dem Lauf der Dinge zuzusehen – nichts zu sagen, nichts zu tun, nichts zu denken.“

Eines Tages gesellt sich eine junge Frau zu ihm. Sie verrät zwar nicht ihren Namen, erzählt dafür aber ausgiebig von der Achterbahnfahrt ihres Lebens. Und sie kommt jeden Tag wieder, jeden Tag in einer anderen Farbe – erst blau, dann schwarz, dann grün. Und so wird das Treffen der wohlsituierten Aussteiger auf der Bank am Kanal zum Ritual. Tonlage und Ereignisarmut von Rourkes Romans erinnern an die grandiosen Bücher seines lakonischen Landsmanns Magnus Mills („Die Herren der Zäune“), der übrigens nach langem Schweigen angeblich an einem Roman über seine täglichen Runden als Busfahrer in London arbeitet. Rourke, angesehener Literaturkritiker („Guardian“, „The Times Literary Supplement“) und einer der Herausgeber des Magazins „3:AM“, verbindet hier präzise Naturbeobachtungen mit einer im Wortsinn rücksichtslosen Kritik am technischen Overkill unserer Zeit. Herzstück aber sind die knappen Dialoge, die profan anmuten, tatsächlich aber philosophisch aufgeladen sind.

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Herausragend

Lee Rourke: „Der Kanal“ Aus dem Englischen von Roberta Schneider, Mairisch Verlag, 227 Seiten, 17,90 Ђ

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