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„Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie

Nigeria in den 1990er-Jahren. Ifemelu, eine eigenwillige Studentin, und ihr Freund Obinze, ein emanzipierter junger Mann, ebenfalls Student, bewegen sich in einem illustren Freundeskreis. Man liest Bücher amerikanischer und europäischer Autoren, diskutiert über die Bill-Cosby-Show wie über Nollywood-Filme, tanzt zu Songs der nigerianischen Sängerin Onyeka Onwenu und zu amerikanischem Funk oder Soul.

Geht es aber um Lebensperspektiven, wird aus dieser Dynamik plötzlich lähmender Stillstand: Die ersten acht Kapitel in Chimamanda Ngozi Adichies neuem Roman spielen in einer Zeit, als unter den Militärdiktatoren Ibrahim Babangida und Sani Abacha die Korruption grassiert. Während ihre Elterngeneration im täglichen Überlebenskampf resigniert, zu einer „Arschkriechergesellschaft“ verkommt, wie es Ifemelus junge Tante Uju einmal formuliert, erheben ihre Kinder einen selbstbewussteren Anspruch auf die Welt: Noch bevor sie einen Fuß vom afrikanischen Kontinent gesetzt haben, sind sie Afropoliten – so nennt es Adichies Schriftstellerkollegin Taiye Selasi. Die neue Weltläufigkeit.

Zwar bekommt Ifemelu mit viel Glück ein Studentenvisum für die USA. Dort aber ist sie Ausländerin ohne soziales Netz, erfährt erstmals in ihrem Leben Rassismus. Währenddessen verschlägt es Obinze nach England. Dort putzt er Toiletten, wird schließlich abgeschoben. Dass die Liebesgeschichte zwischen den beiden, trotz jahrelanger Funkstille, dennoch weitergeht, ist eine der Klammern, die „Americanah“ zusammenhält. Ausgesprochen fesselnd ist es aber auch, die Welt durch die Augen der Ifemelus, Obinzes oder Tante Ujus zu sehen. Exotisch sind diese Menschen nur durch ihren hohen Grad an globaler Erfahrung.

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Nach der Lektüre von Adichies drittem Roman versteht man auch die Flüchtlinge vom Oranienplatz besser: Lange bevor diese ihren Fuß auf europäischen Boden setzten, waren sie hier und im 21. Jahrhundert angekommen – in einer vernetzten, globalisierten Welt.

Text: Eva Apraku

tip-Bewertung: Herausragend 

Chimamanda Ngozi Adichie: „Americanah“ S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 400 Seiten 24,99 Ђ

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