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„Letzte Nacht in Twisted River“ von John Irving

Der Koch als Romanheld steht derzeit hoch im Kurs – bei der Britin Monica Ali („Hotel Imperial“) ebenso wie bei dem Schweizer Martin Suter („Der Koch“). Und jetzt auch bei dem weltberühmten Amerikaner John Irving.

Seinen Helden an den heißen Töpfen nennen in dem 700-Seiten-Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ alle nur „Cookie“, obwohl seine sizilianische Mutter ihn Dominic Baciodalupo („Wolfskuss“) getauft hatte. Durch schlechte Aussprache und einen Tippfehler wurde daraus Baciagalupo. Aber welcher Waldarbeiter kann so einen Namen schon aussprechen? Wir schreiben das Jahr 1954. Unter widrigsten Umständen versucht dieser Cookie, die Baumfäller, Flößer und Männer des Sägewerks in der Siedlung Twisted River an dem gleichnamigen Fluss in New Hampshire satt zu kriegen. Dabei hilft ihm sein Sohn Daniel so gut, wie er es mit seinen zwölf Jahren eben kann: Er schnippelt morgens Gemüse und sammelt abends die Essensreste ein, die Dominic den Arbeitern am nächsten Tag als neues Gericht auftischt. Als der Junge seinem Vater eines Nachts in guter Absicht mit der gusseisernen Bratpfanne beispringt – er erschlägt die fette Tellerwäscherin Indianer-Jane in der Annahme, ein Bär hätte seinen Vater im Bett unter sich begraben –, bleibt den beiden nur die Flucht. Die Geliebte des Vaters war nämlich auch die Geliebte des bösartigen Sheriffs Constable Carl, und der schwört Rache.

Was den Verlauf der Handlung in den nächsten fünf Jahrzehnten angeht, die über Boston und Vermont nach Toronto führt, darf man die Bedeutung des Ortsnamens – gewundener Fluss – wörtlich nehmen: In seinem zwölften Werk scheut der ehemalige Ringer Irving weder das Auf-der-Stelle-treten noch den plötzlichen Haken. Und so kommt es, dass der Sohn zur eigentlichen Hauptfigur wird. Und den interessieren keine Gewürze, sondern Geschichten. Den Aufstieg des Daniel Baciagalupo zum erfolgreichen Schriftsteller, der sich nun Danny Angel nennt, hat der US-Autor – auch wenn er es bestreitet – nach seinem eigenen Werdegang geformt. Verlässt Irving mit seinen 68 Jahren etwa die Fantasie? Nein, sein Name ist nach wie vor ein Garant für gut erzählte Geschichten. Schon möglich, dass wir ihn in diesem Roman auf der Höhe seiner Kunst erleben.

 

Text: Reinhard Helling

tip- Bewertung: Lesenswert

Letzte Nacht in ?Twisted River“,John Irving, Diogenes, 732 Seiten, 26,90?Ђ

 

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