Bücher

Literatur für die Hängematte

klettermaxKlettermax
Die Berlinerinnen Marion Brasch und Tanja Dückers hatten zuletzt schon vielbeachtet über ihre Jugend in Ost und West geschrieben; Brasch lakonisch, Dückers romantisierend. Auch Anke Jablinski entstammt dieser Generation. Sie ist kein Medienprofi, hat keine Literatenfamilie in der Hinterhand und beginnt die Schilderung ihrer Jugend zudem im piefigen Siemensstadt. Dennoch: ihr „Klettermax“ ist das ergreifendste der drei Bücher. Es schildert ihr Leben ungekünstelt und kolportagefrei. Jablinski schreibt vom Psychiater-Vater, der Kinder und Frau fast in den Wahnsinn treibt, von der Schwester, die in die Prostitution abgleitet, vom eigenen Eintauchen in die Punk- und Drogenszene West-Berlins und von einsamen Klettertourenauf Bäume und Dächer mit denen sie der Tristesse entkommen kann. Hagen Liebing

Klettermax Anke Jablinski, Axel-Dielmann-Verlag, 312 S, 20 Ђ

Tex_Rubinowitz_Rumgurken_rororo_BITTEGROSSRumgurken
Tex Rubinowitz kommt als Musiker und Schriftsteller viel rum, und dabei trifft er neben melancholischen Portugiesen und melancholischen Finnen auch besonders tolle Expemplare der menschlichen (Iren) und der tierischen Gattung (Takins). Seine Geschichten über Mensch und Tier in fremden Ländern sind komisch und absolut lesenswert. In einigen Kapiteln trifft er in entlegenen Gegenden auf  Schriftstellerkollegen wie Goldt, Lottmann oder Droste. Auch das schadet dem Buch nicht, denn Rubinowitz geht weder mit ihnen, noch mit seinen Reisezielen besonders schonend um. Und wer immer noch beleidigt ist ob der fußballerischen Dauerschmach gegen die Italiener – in einem besonders bösen Kapitel beleidigt Rubinowitz stellvertretend zurück. Iris Braun

Rumgurken Tex Rubinowitz, Rowohlt, 218 S., 11,99 Ђ

Geyer_OSommerhaus_jetzt_Blanvalet_c_Verlagsgruppe_Random_House_GmbH_MuenchenSommerhaus, jetzt!
Glückwunsch, der Journalist Oliver Geyer wohnt in Berlin dort wo alle hinwollen. Und Beileid, denn egal ob Görli, Mauerpark oder Boxhagener Platz – im Sommer ist genau das die Hölle. Also macht er sich mit 12 Gleichgesinnten auf,  eine Fluchtresidenz auf dem Land zu suchen. Er findet sie in der Uckermark, in einem etwas heruntergekommen Gehöft mit See. Naturgemäß ist es nicht völlig stressfrei mit 12 meinungsstarken Mitkommunarden, deren Kinder – und Freundesanhang Haus und Hof bewohnbar und zugleich bezahlbar umzugestalten. Geyer verrät äußerst unterhaltsam wie sie das trotzdem schaffen, allerdings auch in welche Abgründe die Freunde dabei schauen – und warum Email-Betreffszeilen die heutige Geißel des Kommunenbewohners sind. Iris Braun

Sommerhaus, Jetzt! Oliver Geyer, Blanvalet Verlag, 285 S., 12,99 Ђ 

Kristin_Feireiss_Wie_ein_Haus_aus_Karten_UllsteinEin Haus aus Karten
In Berlin ist der Name Kristin Feireiss bekannt, sie ist Günderin der Architekturgalerie Aedes. Dass die studierte Kunsthistorikerin und Journalistin auch die Nichte von Josef Neckermann ist wussten nur wenige. Feireiss verbrachte  nach dem frühen Unfalltod ihrer Eltern eine spannungsgeladene Kindheit im Hause ihres Onkels. Dort erlebte sie nicht nur einen kleingeistigen, aber zum Erfolg entschlossenen Wirtschaftsboss, sondern auch seine bis zur Selbstaufgabe disziplinierte Ehefrau und strenge Stiefmutter. Eine düstere Bürde, für die sie laut ihres aufschlussreichen Buches Jahre brauchte, um sich davon zu befreien. Eva Apraku

Wie ein Haus aus Karten. Die Neckermanns – meine Familiengeschichte Kristin Feireiss, Ullstein, 352 S., 19,99 Ђ

Mark_Z_Danielewski_Only_Revolutions_Klett_CottaOnly Revolutions
Zwei Teenager, Hailey und Sam, die durchbrennen, quer durch Amerika, voller Allmachtsgrößenwahn ewig 16-Jähriger. „Alle träumen den Traum, doch wir sind er.“ Danielewski erweist sich mit seinem expressiven, oft überschwänglich sprachschöpferischen Langgedicht einmal mehr als lustvoller avandgardistischer Strukturfanatiker – auch mit vielen typografischen Auffälligkeiten. So lässt sich seine Geschichte von beiden Buchdeckeln aus beginnen, jeweils aus der Perspektive von Hailey oder Sam. Alle acht Seiten sollte man diese wechseln. Ein Buch, das schwindlig macht, benommen. Und irgendwann high. Erik Heier

Only Revolutions Mark Z. Danielewski, Tropen bei Klett-Cotta, 360 S., 24,95 Ђ

pohrt_wolfgang_kapitalismus_foreverKapitalismus Forever
Wolfgang Pohrt ist ein begnadet sarkastischer Zeit-Analytiker (und der Lieblingsautor von Sophie Rois). Sein neues Buch „über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam“ wird naive Gemüter auf die Palme und wache Geister zum Grinsen bringen. Der Mann, einst wissenschaftlicher Mitarbeiter an Reemtsmas Institut für Sozialforschung, denkt seiner Beobachtungen zu Ende (meistens zu keinem guten Ende) und diagnostiziert heiter und kühl, dass der Menschheit nicht zu helfen ist. „Das ist, wie immer bei Wolfgang Pohrt, um ein paar Klassen besser als das, was man sonst lesen muß“, sagt Hans Magnus Enzensberger über Pohrts neues Buch. Recht hat er. Peter Laudenbach

Kapitalismus Forever Wolfgang Pohrt, Edition Tiamat, 112 S., 13 Ђ

Fotos: Axel-Dielmann-Verlag, Frankfurt / Diane Vincent, Berlin; rororo; Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen, Ullstein; Klett Cotta; Edition Tiamat

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