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Literatur-Highlights im Sommer

Literarisches_Cooloquium2_c_Tobias_BohmUlrich Janetzki hat das schönste Arbeits­zimmer Berlins. Hoch über dem Wannsee. Ein Riesenreich der Kontemplation. Mit säulenbekränztem Balkon. Ein Schmuckstück. Wie das Haus selbst, mit dem Janetzki und seine Mitstreiter jetzt ins Jubiläum gehen: 50 Jahre LCB. Das sind 50 Jahre Literatur­geschichte der Extraklasse. Denn es gibt trotz vieler Literaturhäuser zwischen Hamburg und München nichts Vergleichbares. Der Schriftsteller Walter Höllerer war es, der das feudale Haus, 1885 erbaut und bereits in den 20er-Jahren Wirkungsstätte für Carl Zuckmayer, mit dem ans Wasser angrenzenden Park kurz nach dem Mauerbau als literarischen Ort entdeckte. „Höllerer“, erzählt Janetzki, „hat den Laden erfunden. Höllerer war die Stimme. Höllerer gab das Programm vor, lud die Gruppe 47 ins Haus, alles, was Rang und Namen hatte: Günter Eich, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson, Günter Grass.“

Und 1986 machte TU-Professor Höllerer seinen Assistenten Janetzki 1986 zum Leiter des LCB. „Ich bin Autor, der gescheitert ist, das hat mich prädestiniert für den Job.“ Die 50-Jahr-Feier wird Janetzkis letztes großes Werk, dann setzt sich der passionierte Biker, der täglich mit seiner Enduro von Dahlem an den Wannsee knattert, zur Ruhe. Auf die Frage, welche denn die Hammer­veranstaltung sein wird, antwortet Janetzki auf seine Weise: „Es gibt keine.“ Under­statement, das passt gut zum stillen Macher, der sich von jeher im Hintergrund hält. In Wirklichkeit wird das Haus einiges auffahren. Festakte, Sonderveranstaltungen wie das Schriftstellertreffen „Tunnel über der Spree“ vom 19. bis 21. Juni mit David Wagner und Terйzia Mora. Nicht zu vergessen das fast schon legendäre Sommerfest (10. August). Darüber hinaus sollen zahlreiche Hochkaräter das Sommerjubiläum krönen.

Bestätigt ist vieles davon noch nicht, aber es kursieren zahlreiche Namen. Richard Ford zum Beispiel. Und Autoren des legendären Zimmer Nr. 10. Was das ist? Das schönste von mehreren Zimmern, das Autoren und Stipendiaten, die im Haus an ihren Büchern schreiben, zur Verfügung steht. Literaturnobelpreisträger wie Imre Kertйsz, Seamus Heaney oder Günter Grass logierten einst hier. Des Weiteren Pйter Esterhбzy oder auch das Enfant terrible der französischen Literatur, Michel Houellebecq. Sie alle sind, so hört man zumindest, eingeladen. Zurzeit wird das Zimmer Nr. 10 von Juliane Lorenz bewohnt, Rainer Werner Fassbinders einstige Partnerin und seine Erbin. Sie schreibt gerade an ihrer – logisch – Fassbinder-Biografie und ist so nett und gewährt uns Einlass: Schlaf- und Wohnbereich bieten nichts Poetisches, eher sprödes Tagungsstättenmobiliar. Das Entscheidende ist das separate Turmzimmer mit seinem Schreibtisch und der genialen Aussicht auf den großen Wannsee. Dazu führt eine schmale Treppe ins Freie nach oben unter die Turmhaube, von wo der Blick auf das Haveltreiben noch pittoresker ist.

Flankiert wird das Festprogramm durch die mit Fotos von Renate von Mangoldt und Tobias Bohm reich bebilderte und von Judith Schalansky gestaltete Sonderpublikation „S-Bahn nach Arkadien“, die Ende Mai erscheint. Ein Wörterbuch, zu dem mehr als 100 Autorinnen und Autoren lexikalische Stichworte kommentiert haben. Von „1963“ (dem Gründungsjahr) von Nikola Madzirov über „Marterpfahl“ von Thomas Lehr bis „Zusammenarbeit II“ von Katy Derbyshire. Man kann sich beim Lesen, beim Stöbern geradezu darin verlieren. So viele Momente. So viele Geschichten.

Text: Andreas Burkhardt

Foto: Tobias Bohm

Programm zum Jubiläum (Auswahl)
250 Jahre Verlag C. H. Beck. Sommerfest im LCB, 8.6., 15 Uhr;

Kleine Verlage am Großen Wannsee – Die Gartenmesse des LCB, 20.7., 15 Uhr;

50 Jahre LCB – Das Sommerfest (mit Nora Gomringer, Sven Regener u. a.), 10.8., 15 Uhr;

Jahrgang 1963. Vier Autoren des Jahrgangs der LCB-Gründung zu Gast (u. a. Luo Lingyuan, Lutz Seiler), 28.8.

Literarisches Colloquium Berlin Am Sandwerder 5, Zehlendorf, www.lcb.de

 

LESUNGEN IM SOMMER

JULI

Dr. Mark Benecke
Der Kriminalbiologe referiert über die Triebtäter Jürgen Bartsch und Luis Alfredo Garavito.
30.+31.7., Wühlmäuse

AUGUST

Liao Yiwu
Ein Vorgeschmack auf das 13. Internationale Literaturfestival Berlin. Der chinesische Schriftsteller liest aus seinem Interview-Band „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“.
25.8., Haus der Berliner Festspiele

Berliner Buchnacht
Zum vierten Mal öffnet die Kulturbrauerei ihre Türen für die Berliner Buchnacht. Pop und Poesie, Lounge und Lesung, Film und Fantasie: eine ganze Nacht mit Autoren, Poeten, Schauspielern und Musikern.
31.8., Kulturbrauerei

SEPTEMBER
Internationales Literaturfestival Berlin
Der literarische Höhepunkt des Jahres eröffnet mit einer Lesung von Daniel Kehlmann. Der Bestsellerautor („Die Vermessung der Welt“) liest aus seinem neuen Roman „F“, in dem er von drei Brüdern erzählt, die – auf je eigene Weise – Heuchler, Betrüger und Fälscher sind. In den folgenden Tagen lesen u. a. Salman Rushdie, Tristram Shandy, Helene Hegemann.
4.–15.9., verschiedene Orte

T. C. Boyle
San Miguel Island ist eine Insel vor der Küste Südkaliforniens. T. C. Boyle erzählt die Geschichte zweier Familien, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts dort als Schafzüchter gelebt haben.
17.9., Babylon Mitte

Clemens Meyer
Meyers neuer Roman „Im Stein“ besingt die Nacht: Prostituierte, Engel und Geschäftsmänner kämpfen um Geld, Macht und ihre Träume. Eine junge Frau steht am Fenster, schaut in den Abendhimmel, im Januar laufen die Geschäfte nicht, die Gedanken tanzen ihn ihrem Kopf.
26.9., Backfabrik

NEUERSCHEINUNGEN

JUNI

Eugen Ruge – 2Cabo de Gata“, Rowohlt

Jonas Winner „Berlin Gothic“, Knaur

JULI

Katharina Hartwell – „Das fremde Meer“, Berlin Verlag

Enno Stahl – „Diskurs-Pogo“, Verbrecher Verlag

Peter Henning – „Ein deutscher Sommer“, Aufbau

AUGUST

Christopher Brookmyre – „Die hohe Kunst des Bankraubs“, Galiani

Daniella Carmi – „Lucy im Himmel“, Berlin Verlag

Oscar Coop-Phane – „Bonjour Berlin“, Metrolit

Mario Vargas Llosa – „Ein diskreter Held“, Suhrkamp

Sven Regener – „Magical Mystery“, Galiani

SEPTEMBER

Jelle Behnert – „Liebe Steine Scherben“, Blumenbar

Nathanael West – „Der Tag der Heuschrecke“, Manesse

Justin Torres – „Wir Tiere“, DVA

 

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