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Literatur zum Thema „Mauerbau“

Während zum 50. Jahrestag des Mauerbaus die amerikanische Historikerin Hope M. Harrison SED-Chef Ulbricht als treibende Kraft herausstellt, finden zwei Ex-DDR-Militärs die Schuld beim Klassenfeind. Und ein Fotoband zeigt die frühe Mauer „Aus anderer Sicht“.

Mauerbau„Der Erdenwunder schönstes war die Mauer“, dichtete einst Peter Hacks. „Mit ihren schmucken Türmen, festen Toren. / Ich glaub, ich hab mein Herz an sie verloren.“ Das „Erdenwunder“ hätte nun seinen 50. Geburtstag, wenn des Volkes Wille nicht die „festen Tore“ geöffnet und die Bauherren zum Teufel gejagt hätte. Dass man sich ein halbes Jahrhundert später an den 13. August 1961 erinnern würde, war auch zwei ehemaligen DDR-Militärs klar. NVA-General Heinz Keßler, Jahrgang 1920, und sein sechs Jahre jüngerer Ex-Waffenbruder, Generaloberst Fritz Streletz, beide a.D., wollen mit einem Rechtfertigungspamphlet einer „falschen und ahistorischen Darstellung“ der Ereignisse entgegentreten. „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“, machen die beiden Autoren schon im Titel klar. Nicht die DDR hätte die Mauer gewollt, sondern der Westen hätte sie zum Mauerbau gezwungen. Duktus und Dogmatik des SED-Regimes haben die beiden „Zeitzeugen“ so stark verinnerlicht, dass sie eine ebenso authentische wie antagonistische Ideologieschrift abliefern. Natürlich habe es nie einen Schießbefehl gegeben, auch wenn sie selbst zu mehrjährigen Haftstrafen von der Siegerjustiz deswegen verurteilt wurden. Aber irgendwie, das sei ja logisch, hätte man die Grenze sichern müssen. Noch mehr „Wirtschaftsflüchtlinge“ hätte das Land nicht verkraftet. Und das Gerede von einer innerdeutschen Grenze missachte die Tatsache, dass dies die Trennlinie zwischen den Systemen gewesen sei, die sich im Kalten Krieg feindlich gegenüberstanden.

Insofern sei auch nicht der Genosse Ulbricht für den Mauerbau und dessen Folgen verantwortlich, sondern der große Bruder in Moskau, der den Befehl dazu erteilte. Genau das sieht die amerikanische Historikerin Hope M. Harrison anders. In ihrem Buch „Ulbrichts Mauer“ legt sie dar, „wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach“. Um den Flüchtlingsstrom, die so genannte „Abstimmung mit den Füßen“, zu stoppen, dachte Walter Ulbricht schon in den 50er Jahren über massive Grenzsicherungsanlagen nach. Doch Nikita S. Chruschtschow, für den Westberlin ein „Pfahl im Fleische“ des Sozialismus war, hatte kein Interesse an einer Mauer. Sein Plan war es, Westberlin aus dem Verbund mit der BRD herauszulösen. Als im Juni 1961 klar war, dass Kennedy an Westberlin festhalten würde, drohte der erzürnte Kremlchef den Amerikanern mit Krieg. Kurz darauf erklärte Ulbricht unvermittelt auf einer Pressekonferenz, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. Keine zwei Monate später kam der lang ersehnte Befehl zum Mauerbau aus Moskau.

Hope M. Harrisons Buch offenbart keine wirklich neue Sicht auf die Ereignisse. Die aktive, treibende Rolle Ulbrichts beim Mauerbau ist unter Historikern durchaus Konsens. Interessant an ihrem Buch ist jedoch die Fokussierung auf die Protagonisten Ulbricht und Chruschtschow, wodurch die taktischen Winkelzüge des einen und das weltpolitische Kalkül des anderen gut nachvollziehbar werden. Tatsächlich „Aus anderer Sicht“ zeigen Annett Gröschner und Arwed Messmer in ihrem gleichnamigen Buch und Ausstellungsprojekt „die frühe Berliner Mauer“.  Basierend auf 300 rekonstruierten Fotopanoramen, die die Autorin und der Fotograf in einem Archiv aufgestöbert haben, wird der gesamte innerstädtische Mauerverlauf Mitte der 60er Jahre aus Ostberliner Perspektive abgebildet. Von den „schmucken Türmen“ und „festen Toren“ aus dem Hacks-Gedicht ist da nichts zu sehen. Improvisierte Stacheldrahtverhaue, zusammengezimmerte Wachtürme, Betonbarrikaden und geräumte Gebäude zeugen von dem brutalen Schnitt, der durch die Stadt ging. Westberliner Passanten, die mit ihren Sonnenbrillen und Bienenkorbfrisuren seltsam unbeteiligt wirken, bilden einen Kontrast zu den anonymisierten Porträts von Grenzsoldaten, die gelobt wurden, wenn sie bei „gegnerischen Provokationen“ an der Grenze „klassenmäßig“ auftraten, und bestraft, wenn sie nicht an „die Sieghaftigkeit des Sozialismus“ glaubten. „Tatort“-Fotos und Fluchtprotokolle belegen, dass nicht jeder bereit war, die Mauer als „Erdenwunder“ zu betrachten.

Text: Ralph Gerstenberg

  • Heinz Keßler/Fritz Streletz: „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ edition ost, 224 Seiten, 12,95 €; tip-Bewertung: Ärgerlich
  • Hope M. Harrison: „Ulbrichts Mauer. Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach“ Propyläen, 506 Seiten, 24,99 €, tip-Bewertung: Lesenswert
  • Annett Gröschner/Arwed Messmer: „Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer“ Hatje Cantz Verlag, 752 Seiten, 49,80 €, tip-Bewertung: Lesenswert; Ausstellung: Unter den Linden 40, Mitte, Sa 6.8. – Mo 3.10.

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